Montag, 17. Dezember 2012

Wir sind Teil der Welt

Heinz von Foerster in einem Interview:
Der Haltung des unbeteiligten Beschreibers steht die Haltung des Mitfühlenden und Beteiligten gegenüber, der sich selbst als Teil der Welt begreift und von der Prämisse ausgeht: Was immer ich tue, verändert die Welt! Ich bin die Welt, und die Welt ist ich!
Das, was wir Welt nennen, ist mit einem Mal nichts Feindliches mehr, sondern erscheint als ein Organ, als ein Teil des eigenen Körpers, der sich nicht abtrennen lässt. Dass All und das Selbst fallen zusammen. Man wird verantwortlich für seine Handlungen, man kann sich nicht mehr auf die Position des passiven Registrators zurückziehen, der ein starres und vermeintlich zeitloses Dasein beschreibt. Man wird sich bewusst, dass jede Aktion - ja schon das Heben eines Armes - ein neues Universum entstehen lässt, das es so noch nie gegeben hat. Wenn man das weiß - oder vielleicht besser: wenn man das spürt und fühlt - , dann existiert keine Statik mehr, sondern alles ist in eienem fortwährenden Wandel begriffen: jede Situation ist neu, nichts ewig. Nie ist es wieder so, wie es war.

aus: Pörksen "Gewissheit der Ungewissheit - Gespräche zum Konstruktivismus" Heidelberg 2002

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Der Baum der Erkenntnis


Und hier eine weitere Literaturempfehlung: Humberto Maturana & Francisco Varela: "Der Baum der Erkenntnis"

Ein äußerst spannendes Buch über die biologischen Grundlagen des Erkennens. Wissenschaftlich anspruchsvoll geschrieben, aber wer im Biologieunterricht ein wenig aufgepaßt hat, wird viele Begriffe kennen. Das Schöne: Was im Biologieunterricht meistens ziemlich langweilig war, wird hier zum Teil über den Haufen geworfen und in einer neuen aufregenden Deutung dargestellt. Innovativ war bei Neuerscheinen (1984) der systemische Ansatz, die Ideen der Koppelung, Autopoiese und der Koevolution.

Hier eine Zusammenfassung in der deutschen Wikipedia.

Und ein paar Rezensionen und ein Artikel aus der Zeit.
Francisco J. Varela
Umberto R. Maturana

Dienstag, 4. Dezember 2012

Sendeschluss

Auf der Seite perlentaucher erschien kürzlich ein Artikel, der sich mit den Veränderungen mit denen die Medienlandschaft (der Journalismus) zu tun hat auseinandersetzt. Nun sind wir eigentlich kein Blog, der sich um Journalismus dreht. Und dennoch steckt in dem Text ein lesenswerter Kern: machthabende Eliten von Medien (bei uns: Musik) wehren sich gegen nötige Veränderungen, die in der "digitalen Ära" nötig sind. Ideen gibt es viele. Hier ein Ausschnitt, und drunter der Link. 

"Wenn aber alle Medien alles sind, wenn Schrift, Ton und Bild ineinander übergehen, wie kann es dann sein, dass ein einzelner Akteur, dessen Identität aus einem obsoleten Medienbegriff rührt, ganz allein beauftragt wird, öffentlich-rechtliche Information zu organisieren? Die Sender sind bisher weder damit aufgefallen, im Netz besonders innovativ zu agieren, noch scheinen sie dies als ihren Auftrag zu betrachten. Wahrscheinlich werden sie sogar daran gehindert, weil der Gesetzgeber selbst an künstlichen Gattungsgrenzen in der Medienlandschaft festhält. Wie die Printmedien, die sich selbst versichern, dass ihr Journalismus überlebt, beharren sowohl die Politiker als auch die öffentlich-rechtlichen Sender  auf dem alten Sender-Empfänger-, Volksbeglücker- und Torwächter-Modell, das sie in einer viel agileren, unübsersichtlicheren, aber auch weitaus autonomeren Öffentlichkeit schon jetzt in den Bedeutungsverlust führt.

Die Frage ist also, wie sich die Idee eines  öffentlich-rechtlichen Journalismus im Zeitalter der Digitalisierung neu formulieren lässt."

aus: Sendeschluss.

hier mein Kommentar dazu:


"großartiger Artikel!
Als Anthropologe, der sich mit Medien/Medialität/Information/Infogenese beschäftigt suche ich schon lange nach deutlichen Aufrufen, die alte Plastiken wie "Sender-Empfänger" oder "Medien=Zeitung und Fernsehen" als überholt deklarieren.
Gerade Journalisten, die sich gerne als Medienmacher bezeichnen, beweisen gegenwärtig, dass sie von ihrer Funktion und ihrer Materie keine Kompetenz haben. Sie setzen sich mit der "digitalen Ära" (natürlich nur ein schwammiger Begriff) nicht auseinander, sondern votieren dagegen. Resultate sind die Pseudo-Sakralisierung der Zeitung und des Buches, eine geschürte Aversion gegen das WEB, die Aufrechterhaltung von überholten linearen Prozessen und Strukturen, die mit der Informationsgenese inkohärent sind.
Wir wissen heute aus der Neurowissenschaft, dass es bspw. keinen biologischen Mechanismus im menschlichen Körper/Gehirn gibt, der Information vermittelt, sondern nur einen, der Information (was auch immer das ist) erzeugt.
Wenn wir als Menschen Informationen nur erzeugen können, müssen wir von sämtlichen Forderungen "des guten Journalismus", der "echten Medienarbeit", der "Meinungsbildungsfabrik Medien" und der Idee der "Medien als vierte Staatsmacht" Abschied nehmen.
Sofern Journalisten ihre Funktion nicht reflektieren, und damit den Kollaps ihres Systems herbeiführen, ist das etwa so traurig und bedauernswert wie der Bauer, der versucht im Winter auf dem Feld Tomaten zu pflanzen.
Es ist schlichtweg unzeitgemäß, oder um es noch deutlicher zu formulieren: es hat seine künstliche geschaffene Basis schon längst verloren und sicht zurzeit dem Ende entgegen."

Der infogene Mensch

Manfred Faßler: Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink Verlag, München 2008.





Informationen zum Buch

»Der infogene Mensch« beschreibt die Entstehung, die Geschichte und die Gegenwart der informationellen Intelligenz des Homo sapiens sapiens. Digitale Medien erscheinen heute als eine weitere Varietät menschlicher Verständigung und Selbstorganisation. Die Suche nach einer Entwicklungstheorie des Abstrakten (N. Elias) hat begonnen. In diesem Zusammenhang verändert sich die Gesprächslage über »Information« grundlegend.

Die Selbstbeschreibungen der Computersciences reichen nicht mehr aus. In Physik, Biologie, Neurophysiologie, Zellforschung, Kommunikationstheorie, radikal konstruktivistischer Anthropologie, in Forschungen zu Medienevolution und Soziologie hat Information längst die Trivialität der ›Nachricht‹ verloren.

Dieser Band plädiert dafür, Informations-Modelle in Naturwissenschaften, in Technik- und Kulturwissenschaften zusammenzuführen, um sich auf die Suche nach Mustern menschlicher Selbstorganisation zu begeben.

Mittwoch, 28. November 2012

Clashing Harmonies?

Hier eine Facebook-Konversation zu einer musikwissenschaftlichen Studie aversion-to-clashing-harmonies
it seems to me, it is more a cultural or social question, how someone feels about clashing harmonies
Johannes Kreidler mein lehrer spahlinger pflegt folgende geschichte zu erzählen: auf den philippinen gibt es einen stamm, die bambusrohre immer an den jahresringen abschneiden und zu pfeifen zusammenbinden. da die rohre natürlich alle verschieden lang sind, kommt da ein dissonanter cluster dabei heraus. aber die philippinos sagen, dass sei göttliche musik, denn die proportionen der bambusrohre sind ja von der natur gemacht.
Stefan Lischewski gutes beispiel
Stefan Lischewski ähnliches lässt (oder ließ) sich auch in paganen Musikkulturen in Europa und Russland finden

Stephan Winkler @Stefan: Erklärungsversuche bzgl. der "Naturgegebenheit" ästhetischer Urteile gab es ja schon sonder Zahl... Esoterische, religiöse, (mehr oder weniger) naturwissenschaftliche...
Ich hielt ja für mittlerweile allgemein akzeptiert, was Du in Deiner Über
schrift schriebst; mir erscheint es jedenfalls selbstverständlich und unbestreitbar.
Andererseits ist es natürlich tröstlich für Menschen, die ihren Geschmack für so naturgegeben halten wie ihre Augenfarbe, also für etwas, das keiner weiteren Entwicklung bedarf, Zuspruch von Wissenschaftlern zu erhalten. Das befreit von andernfalls folgenden lästigen Erkenntnissen, wie der, das der Weg zur Fähigkeit zu differenzierten ästhetischen Urteilen mit gewissen Anstrengungen verbunden ist — inklusive der Bereitschaft sich mit zunächst Befremdlichem, ja sogar (harhar) "clashing harmonies" auseinanderzusetzen...

Stefan Lischewski Hier können wahrscheinlich auch Komponisten/Musiker/Wissenschaftler, die Kinder haben oder/und mit Kindern arbeiten ein wesentlich interessanteres Bild zeichnen, den wie es so schön heißt: "Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast!" Denn Zahlen/Daten sprechen nicht für sich selbst, sie werden immer interpretiert und in einem bestimmten Erwartungshorizont erzeugt.

Stephan Winkler Exactly.
Aber Komponisten (selbst solche die mit Kindern arbeiten) mögen für Max Mustermann einen blassen Abglanz des Flamboyanten bieten — mit dem sozialen Wert der Seriosität, wie sie erstaunlicherweise der Wissenschaftskontext noch immer bietet, kön
nen Komponisten nicht dienen.
Kurz: who gives a damn what composers find out... ;-)
Hat schon je wer gehört oder gelesen: "Amerikanische Komponisten haben herausgefunden..."? :-D
Gerne mehr Gedankenaustausch dazu!

Fünf-Achtel-Takt: 2+3 oder 3+2 ?



Dienstag, 27. November 2012

Zeichne deine Musik

Und wieder ein schönes Beispiel für neue Interfaces zum Musikmachen.

Diesmal: man nehme einen Plattenspieler, Papier und eine Kamera.

Dyskograf


Montag, 26. November 2012

Die Bedeutung des Filesharing

Immer wieder wird das Internet, seine Möglichkeiten und seine Bedeutung unterschätzt:

Unerwarteter Effekt

"So fand im August der Wirtschaftsprofessor Robert Hammond von der North Carolina State University heraus, dass es sich positiv auf die Absatzzahlen auswirken kann, wenn bereits vor der Veröffentlichung "geleakte" Musikalben als illegale Downloads im Netz verfügbar waren."
"Eine Umfrage der New Yorker Columbia University ergab im Oktober, dass aktive Tauschbörsenteilnehmer in Deutschland und den USA auch deutlich mehr Geld für Musik ausgeben als Nutzer, die sich nicht daran beteiligen"

Mittwoch, 14. November 2012

Konstruktivismus und Musik

Als Kulturanthropologe beschäftige ich mich sehr viel mit den Lehren des Konstruktivismus. Wenn man das so als Lehren bezeichnen kann, denn ein Konstruktivist würde sich sicherlich dagegen aussprechen seine Gedanken in einen Kanon von "Material zu Vermittlung" packen zu lassen. Womit man quasi auch schon mitten im Geschehen ist.

Dies sind wiederum nur Skizzen, die ein paar Gedankengänge typografisch festhalten sollen. Sie werden später noch weiter ausgeführt.

Glasersfeld. Es hat schon einen persönlichen Grund, dass ich Ernst von Glasersfeld zuerst nenne. Mal abgesehen davon, dass er quasi die Idee des Konstruktivismus schuf, machte er auf mich den größten Eindruck während des Lesens. Seine Idee: Viabilität. Um die Probleme der Korrespondenztheorie, also die Frage nach der Korrespondenz zwischen ontischer Wirklichkeit und erfahrbarer Wirklichkeit, zu lösen schlägt er vor die Funktion der Korrespondenz zu vernachlässigen. Die Unterscheidung in erfahrbarer Wirklichkeit und ontischer Wirklichkeit sollte dabei bestehen bleiben. Demnach kann in einer erfahrbaren Welt nichts über eine ontische Welt gesagt werden.
Viabel (also passend, oder angepasst) ist demnach eine Theorie (oder was auch immer der erfahrbaren Welt), wenn sie schlicht und ergreifend funktioniert. Deutlich wird dies, wenn ein Theoriemodell als veraltet gilt, und einem anderen Modell Platz machen muss.
Der Grad der Viabilität wird an einem Kollaps deutlich: was an einen Gegenstand stößt (wortwörtlich: dagegen), erweist sich als nicht viabel der ontischen Wirklichkeit.

Damit ist auch gesagt, wie die erfahrbare Welt produziert wird: Durch ein Individuum, dessen Erfahrungen und Gedanken konstruieren. Dieses Konstrukt hat aber im ontologischen Sinne nichts mit der Genese einer ontischen Wirklichkeit zu tun. In den Fokus der Betrachtungen rutscht damit der Beobachter mit seinen Beobachtungen. "Ich finde" ist danach die beste Beschreibung, für die Welt des Beobachters.

Natürlich besteht die Gefahr des Solipsismus. Man kann sich vorstellen, dass ein solipsistischen Weltbild nicht erklären kann, wie eine Gesellschaft etc. entsteht.

Varela. Francisco Varela bezeichnet sich selbst nicht als Konstruktivisten, und dennoch schiebe ich ihn in diese Sparte. Schlicht aus dem Grund, da er hilft ein konstruktivistisches Modell weiterzuentwickeln (auch wenn das sicherlich nicht in seinem Sinne wäre).
Varela verneint die Trennung von Subjekt und Objekt. Nicht im realistischen Sinne, demnach erst das Objekt dann das Subjekt, nicht im konstruktivistischen Sinne, erst das Subjekt dann das Objekt (von Ursache und Wirkung), sondern eine Kopplung. "Beide existieren nur in wechselseitiger Abhängigkeit, und in gegenseitiger Bestimmung."

Angesprochen ist damit eine (1) Interaktionszirkularität und (2) strukturelle Kopplung:
(1) Hervorbringen der Welt, durch den Prozess des Lebens selbst
(2) Die Kopplung von Umwelt und Lebewesen (biologisch gesprochen) ist immer eine positive Kopplung, denn sie ermöglich erst das Leben an sich. Wer nicht gekoppelt ist, und demnach angepasst, lebt nicht.

Damit fallen wesentliche Elemente bisher herkömmlicher Argumentationen weg:
1. Evolution ist kein Kampf des Stärkeren, sondern ein emergenter Prozess.
2. Wirklichkeit kann nicht abgebildet werden (dazu fehlen sogar biologische und physikalische Mechanismen im menschlichen Körper).
3. Erfahrbare Wirklichkeit ist ein Produkt aus dem emergenten Kopplungsgeschehen von Individuum und seiner Umwelt (Mitmenschem, etc.)

Was bedeutet dies für Musik?

Grob:
1. Es gibt keinen Zeitgeist, der musikalisch dargestellt werden muss.
2. Jede Musik kann aufgeführt werden, solange sie funktioniert (man sie aufführen und hören kann)
3. Jeder Musiker ist in seiner Interpretation nicht an Stil und Tradition gebunden, sondern an sein Gehirn. Was das Gehirn bis dato gelernt hat, welche Strukturen und Funktionalitäten es aus den Kopplungen entworfen hat, kann musikalisch zum Ausdruck kommen.

Daher:
i. Musik muss sich von unsinnigen Absolutheitsansprüchen trennen (restlos)
ii: Musik muss den Musiker ernst nehmen: dieser entwirft die Musik, nicht der Komponist!
iii: Musik muss den Fokus auf die Kopplung und deren Poiese und Poetik setzen: Nicht Lehre, wie Musik gemacht werden muss, sondern lernen wie man Musik machen kann. Gefordert ist damit die Idee eines Möglichkeitenkatalogs, und kein kanonisches Recht.
iv: Musik ist keine kulturelle Maxime menschlichen Handelns. Musik ist eine Leistung unseres Gehirn, und des menschlichen Körpers. Damit sind sämtliche Stile der Musik auf einem gleichen qualitativen Niveau (der Unterschied Popmusik und klassische Musik ist haltlos).


Literatur:

  • Pörksen, Bernhard (2008): Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus. Carl-Auer Verlag.
  • Gumin, Heinz/Meier, Heinrich (Hrsg.) (1992): Einführung in den Konstrukivismus. Piper.
  • Maturana, Humberto/Varela Francisco (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer.
  • Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Fink

Montag, 29. Oktober 2012

Erlernbares Programmieren / Programming is a way of thinking

Bret Victor: Learnable Programming ist ein englischer Essay über das Programmieren, Programmierumgebungen und Programiersprachen und wie diese erlernt werden können oder noch besser: welche Voraussetzungen erforderlich zum Erlernen.

A programming system has two parts. The programming "environment" is the part that's installed on the computer. The programming "language" is the part that's installed in the programmer's head.
This essay presents a set of design principles for an environment and language suitable for learning.
The environment should allow the learner to:
  • read the vocabulary -- what do these words mean?
  • follow the flow -- what happens when?
  • see the state -- what is the computer thinking?
  • create by reacting -- start somewhere, then sculpt
  • create by abstracting -- start concrete, then generalize
The language should provide:
  • identity and metaphor -- how can I relate the computer's world to my own?
  • decomposition -- how do I break down my thoughts into mind-sized pieces?
  • recomposition -- how do I glue pieces together?
  • readability -- what do these words mean?
Der sehr lesenswerte Essay, als Kritik und Anregung für Software- oder Systementwickler geschrieben, interessiert uns wegen seiner anschaulichen Konzeption von Programmen als Denkweisen.

Freitag, 19. Oktober 2012

Begrenztheit musikalischer Terminologie - Ideen für eine neue Begrifflichkeit (2)

Strategien, die das künstlerische Subjekt entlasten? 

Immer wieder begegnen uns in der Kompositionsgeschichte subjektentlastende Strategien, d.h. ausgewählte Modelle, die einer scheinbaren Eigenlogik folgen, die in allen diesen Fällen angezapft werden soll - : Um was eigentlich zu erreichen? Solche subjektentlastenden Strategien sind für mich sämtliche Modelle mit einem Hang zur Ökonomisierung, Rationalisierung und Simplifizierung: Das ist das Thema, das Motiv, der Leitgedanke, die Skala, die Tonart, die Fuge, der Tanztypus, die Passacaglia, die Zwölftonreihe, der Algorithmus, die Statistik etc. Ökonomisierung, Rationalisierung und Simplifizierung geben hier auch schon eine Teilantwort. Ein weiterer Schlüssel zur Anwort liegt für mich in der Differenzierung (Veränderung): Diese Modelle dienen der Abstoßung. Damit wird die Verwandlung, Veränderung, Demontage, Destruktion oder Dekonstruktion zum Wichtigsten in der Musik. Diese sind schwierig darzustellen ohne die Schablone, ohne das Modell.

...

Dienstag, 16. Oktober 2012

Begrenztheit musikalischer Terminologie - Ideen für eine neue Begrifflichkeit (1)

Sprechen über Musik

Die beschränkten Möglichkeiten über Musik zu sprechen, mittels Sprache Musikalisches zu beschreiben sind ein Teil des problematischen Zugangs der Musiktheorie und  -philosophie zum Gegenstand der Musik. Ein anderer die etablierten Werkzeuge dieser beiden, die als musikalische Terminologie spezifische geschichtliche Modelle reflektieren, deren (Zeit-)Kern schwer in unsere Gegenwart hinübergerettet werden kann. So werden diese Termini seltsam leer und schwer zugleich, ihre Treffsicherheit vermindert sich, so als würden wir mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießen (was das diffizile Verhältnis von Terminologie und beschriebenem Gegenstand in ein bezeichnendes Verhältnis setzt). Es spricht nichts dagegen, sich diese vergangenen Modelle des Sprechens über Musik anzueigenen und nachzuvollziehen. Dennoch sollten wir diese Modelle oder Wirklichkeitskonstrukte aus der nötigen Distanz betrachten und als Geschichtliche verstehen.

Das Denken von Modellen

Gemeinsam ist allen Prozessen sowohl der Analyse der Theorie und Philosophie als auch der Synthese der Komposition oder wie auch immer gearteten Produktion von Kunst das Denken von Modellen. Dieses Denken von Modellen kann auch als übergreifendes Moment menschlichen Bewußtsein verstanden werden. Es ist kreativ, konstruktiv, gestaltend, entwerfend und damit eine Grundkonstituente von Handeln und Tun, also von Praxis oder Kommunikation mit einem Aussen (Nicht-Ich). Über diese Modelle dringen wir aus unserem Inneren in dieses Aussen, sie sind zugleich Welterschließung wie auch Weltgestaltung und damit konstruierte Wirklichkeit. Der Charakter von Modellen ist ihre Zeitlichkeit: Sie sind nicht allgemeingültig, d.h. unabhängig von Hier (Raum), Jetzt (Zeit) und Ich (Sprecher). Das Modell trägt in sich die Bereitschaft zur Modifikation. Es basiert auf anderen Modellen und es erzeugt neue Modelle. Das Ausschnitthafte dem Aphorismus oder Axiom verwandte ist seine Stärke.

Das musikalische Modell?

Was ist der Unterschied zwischen einem Werk von Boulez oder Xenakis? Oder noch weitergehend: Was ist der Unterschied zwischen Stilen, Epochen, Schulen, Richtungen? Für mich ist es die Oberfläche. Aber was ist das Gemeinsame? Das Arbeiten (Komponieren) mit Modellen und deren Modifizierung! Unter diesem Blickwinkel haben die verschiedenen kompositionsgeschichtlichen Epochen (und deren Werke) mehr gemeinsam als sie unterscheidet.

...

Nachlese zu Lehmanns 'Avantgarde heute' (Stichpunkte)

Was ist der Unterschied zwischen Werk (Ergon) und Medium?

Warum beginnt die Avantgarde mit der Zwölftontechnik?

Die Einsicht in die freie atonale Phase scheint sehr oberflächlich: Warum ist nicht hier die Frage nach der Avantgarde verankert? Steckt nicht ein viel höheres 'Unruhepotential' in der freien Setzung? Im Gegenteil spricht Lehmann hier von schneller Überwindung (s. S. 30).

Es fehlt eine tiefergehende Analyse für die Struktur- bzw. Stilwechsel in der Moderne.


Freitag, 12. Oktober 2012

Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit

Aus der Zusammenarbeit mit dem Forschungsnetzwerk FAMe, dass von Manfred Faßler in Fankfurt gegründet wurde, entsteht zurzeit ein Forschungsprojekt mit dem aktuellen (und vorläufigen) Arbeitstitel "Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit". Faßler stellt in diesem Netzwerk Theorien zur Verfügung, welche hier wesentlich zur Anwendung kommen. In einer ersten Skizze entstand folgender Text, welcher auch unsere Intention für diesen Blog gut wiedergibt:


Wir versuchen es kurz zu halten

und müssen uns dennoch um eine Einleitung bemühen. Eine Frage, die sich als Forschungsfrage auftun könnte, sollte ein klein wenig vorbereitet werden. Als Kulturanthropologe, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der anthropogenen Welt zu erforschen, und als ein Musiker und Komponist, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der Musik zu entdecken/verdeutlichen/darzustellen, versuchten wir die Problematik des „hohen Kulturguts Musik“ in Zeiten der Evidentwerdung von der Programmhaftigkeit menschlicher Schöpfungen (Abstraktionen und Artefakte) mit diesen Aspekten der Interfaces, Informationen, Wissens, Räume, Denken, etc. zu verbinden.

Ausgangspunkt: Der Kulturanthropologe ist neben seinem Studium auch noch Organist. Gegenwärtig sieht er sich mit einer in der Öffentlichkeit breit dargestellten Diskussion zur Digitalisierung der Orgel konfrontiert. Ausgelöst von einem Ausnahmekünstler namens Cameron Carpenter, der die analoge Orgel, dieses monströse Gebälk an irgendeiner Wand, angebliches Produkt von linearen Systemen (Kirche), sich zu Eigen machen will, indem er sie digitalisiert. Möglichkeiten ausschöpfen, das Wesen der Orgel zerstören (Kirchenväter und kirchentreue Musiker sind empört), sie in ihrer Programmhaftigkeit sich selbst überführen. Die Kopplungen Orgel-Kirche, Musik-Sakralität, Pfeifen-Altar, Bach-Kirche/Bach-1700/Bach-Gott, Orgelmusik-Gott, etc. aufbrechen. Neue Verbindungen schaffen in der Lücke, die zurzeit nur einen Hoheitsanspruch hat (zumindest in unseren Breiten): Orgel dient der Kirche, und damit Gott. Auf der Orgel ist demnach auch nichts anderes darstellbar. Diese Deutungs- und Wahrheitshegemonien soll abgeladen werden. Und dies gilt eben nicht nur einem Instrument.

Der Komponist ist vor allem an der Musikschaffung in elektronischen und digitalen Softwares beteiligt und sieht das Interesse an der Offenlegung der Künstlichkeit von Instrumenten und Musik im Allgemeinen. Wie nach Kreidler: „Die da vorne sitzen [Musiker auf der Orchesterbühne] sind die ewig gestrigen“. Abspielen (bloße Widergabe?) von Noten (deutungsintensiven Symbolen und Informationen) auf handfesten Papier (auf dem man noch schreiben kann) mit analogen Instrumenten, die glücklicherweise echt sind, und deswegen auch wahrhaftiges verkünden können.

Historische Aufführungspraxen (wir kommen an das Original schon ran), Innovationslosigkeit in der Instrumentenentwicklung (sollte der Bedarf an Informationsverarbeitung gedeckt sein?), die Abwehr der Digitalisierung von Interfaces (Noten) und Medien (Instrumenten) und die Entdeckung der Programmhaftigkeit und Infogenität von Musik.

Räume der Musik, Musikräume: Zusammenhänge der Selbstorganisationsweisen von Musik und Musikern; Wissens der Konzerte (hören, veranstalten, spielen), der Instrumente, etc. Zusammenhänge des Akustischen (Erwartungserwartungen, Störungssensitive Übertragungsketten, etc.): diskrete Mengen (Musiker, Musik, Stücke, Komponisten) in markierten Räumen (Konzertsäle, Notenpapier, Veranstaltungen).

Was soll uns Musik bedeuten? Was soll sie leisten? Inwiefern ist sie in heutiger Zeit tauglich (dem Kontext, den Menschen, den Entwicklungen)? Wie kann sie aus Deutungs-, Wahrheits- und Hoheitsansprüchen herausgelöst werden?


Dienstag, 2. Oktober 2012

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 3

Kurz gefasst


Menschen unterscheiden, wenn sie Informationen machen. Daten sind vorgespeicherte Unterschiede - Informationen kleinstmögliche Möglichkeitsvarianten von Daten. Wenn Menschen ihre Welt beobachten und beschreiben entwerfen sie diese erst. Diese Idee folgt einem radikal neurobiologischen Konstruktivismus[1], demnach es biologisch nicht möglich ist eine Repräsentation der Welt da draußen zu erfahren[2], sondern nur eine Welt des Innen mit Bezug zu (einem gedachten) Außen entwerfend zu denken.[3] Aus diesem Entwurf können in Koordination mit anderen Entwürfen (von anderen Menschen), gruppenbezogene Zusammenhänge entstehen. Diese Koordination beschreibt sich letztlich als Eliminierung von Informationsmengen, um eine lineare Verstetigung zu erzeugen; bspw. zum Systemerhalt. Diese gruppenbezogenen Zusammenhänge sind quasi Programme, d.i. „kollektive Logiken“[4] (u.a. Denk- und Handlungsweisen). Programme sind demnach koordinierte diskrete, weil singulär von jedem einzelnen Menschen entworfene, Mengen an Informationen.

Diese Programme können auch mit dem Begriff der strukturellen Kopplung beschrieben werden.[5] Maturana und Varela beschreiben damit die kontinuierliche Interaktionszirkularität von Lebewesen. Sie ist immer positiv für die Interaktionspartner, da es sich um eine strukturelle, d.h. biologisch-physikalische, Kopplung handelt. Dieser Aspekt der strukturellen Kopplungen wird in einem anderen Beitrag nochmals ausführlich aufgegriffen.



[1] vgl. Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main.
[2] Angesprochen sind damit u.a. Themen wie Nervensysteme, Reizverarbeitung, Koordination von Sensorik und Motorik, etc.
[3] vgl. Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. S.129f
[4]Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. S.168
[5] Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main. S.110f

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 2

Schlagabtausch


Virtuell gegen Real scheint das Schlagwort gegenwärtiger Analysen – egal ob journalistisch oder wissenschaftlich – zu sein. In der Arena um die Deutungshoheit dieses Kampfes stehen Buch gegen e-book; Stift gegen Tastatur; Internet gegen Realität. In den Bestsellerlisten von Kaufhäusern stehen Bücher wie von M. Spitzer „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um unseren Verstand bringen“ oder von S. Turkle „Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“. Sie alle nehmen diesen Kampf auf und begeben sich in die Arena. Wohlwissentlich, dass ihre Ansichten die Natürlichkeit des Menschen und seine wirkliche Realität (und eben nicht die Virtualität) verteidigen und vor dem Feind Internet retten und bewahren.

Selbst in Studien von Soziologen und Ethnologen geschehen immer wieder Sätze und Aussagen, die dem Internet zwar seine Gefahr nehmen wollen, es aber dennoch als virtuell, und damit meist normativ dem Realen unterlegen, stehenlassen.

Auf einer Kommissionssitzung an der Phillips-Universität zu Marburg, die sich „Digitalisierung im Alltag“ nennt, brannte ein heftiger Streit darüber aus, ob es real-virtuell oder virtuell-faktisch oder nur online-offline heißen sollte: diese Unterscheidung zweier Welten.

Dem allen steht eines zuvor: Das Reale ist nicht das Virtuelle; das Reale ist natürlich – das Virtuelle nicht. Und wie es in unseren Kontexten zugehen kann, passiert es, dass man zwar Kunst lobt, aber Künstlichkeit ablehnt.
Wozu dieser Einstieg?
Die Diskussion ist aufgeheizt. Hier ist sie nicht zu lösen. Und doch: es gibt vielversprechende Konzepte abseits der bisher hochfrequentierten Theorien, die ein Umdenken ermöglichen. Sie sollen hier in Form eines eigenen Konzeptes vorgestellt werden. Und dieses ist: Lebenswirklichkeit.

Dazu bediene ich mich einiger Grundlagen:

Information. Unter der Annahme, dass Information schon immer das wesentliche Werkzeug oder Bauelement der Menschheit war, soll erörtert werden wie dieser Begriff es ermöglicht die verschiedenen künstlichen Zusammenhänge, die Menschen schaffen und weiterschaffen, zu analysieren. Es steht davor: Informationen sind Unterscheidungen; Daten sind Unterschiede. Menschliches Handeln ist Unterscheiden – ist im basalen Verständnis infogen.[1]

Programme. Konzepte dieser Unterscheidungen und Unterschiede werden in menschlichen Interaktionen zu Programmen geformt.[2] Sie sind (epigenetische) änderungssensitive und formgebende Modelle zur partizipativen Infogenese. Mindestens zwei Menschen formen durch Aushandlungsprozesse Programminhalte und gestalten dadurch ihren Alltag: den Gang zum Bäcker, das Gespräch, etc.

Situation. Aushandlungsprozesse stellen sich vielfältig dar: Es sind Prozesse des Beobachtens, Beschreibens, Diskutierens, Sprechens, Schreibens, etc. In diesen Prozessen werden diskrete Modelle der Welt (wie sie im Gehirn existieren) in Zusammenhänge transformiert: In einem Ereignis, einer Situation – einem infogenen Vorgang von Interaktion. Keine Zustände oder Räume schaffen dies: Situation schafft Situation.

Erkennen.
 „Wir werden nämlich eine Sicht vortragen, die das Erkennen nicht als eine Repräsentation der "Welt da draußen" versteht, sondern als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozess des Lebens selbst.“[4]

Das Konzept von Lebenswirklichkeit versteht sich auch als ein Konzept von neurobiologischer Erkenntnistheorie: Die im Zitat angesprochene Welt, welche im Hervorbringen des Lebens selbst steht, wird hier als Lebenswirklichkeit verwandt. Sie entsteht als eine Künstlichkeit menschlicher Erkenntnis, die hier als Entwerfen verstanden wird. Die Welt, die wir uns schaffen, ist eine Welt aus/unseres Denkens.
Wo bleibt der zu Beginn angesprochene Dualismus? Er wird unnötig. Mit diesem Konzept, wird es unnötig in eine virtuelle und reale Welt zu unterscheiden: Es sind beides Welten unserer Lebenswirklichkeit.



[1] Vgl. Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. Vorwort
[2] Wobei erwähnt werden sollte, dass sich diese Konzept von dem Programmkonzept von N.Chomsky unterscheidet.
[4] Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main. S.7

Dienstag, 25. September 2012

CC - my relationship with the organ itself is quite troubled

Cameron Carpenter - Ausdruck aktueller Musik.
Dabei ist sein Verständnis von "seinem" Instrument gerade zu chaotisch. Die Orgel kann nicht das leisten, was CC leisten möchte. Unvollständige Medien - komplexer Mediensinn. Wir werden das in einem Essay noch mal aufgreifen. Für den Moment verschafft dieses Video einen guten Eindruck.



Mittwoch, 19. September 2012

Wagner und Fry

Hier eine Filmkritik zu Stephen Frys Film Wagner and me. Eine sehr pointierte Zusammenfassung zur Person Wagner und Wagners Antisemitismus und die Frage, wie wir uns Wagners Musik heute annähern können.


Hier zwei kurze Ausschnitte:
Richard Wagner war ein Antisemit. Er hat das Wort „Judenfrage“ erfunden, als erster eine mögliche „Endlösung“ postuliert und mit als Musikwissenschaft getarnten Hetzschriften wie „Das Judenthum in der Musik“ und „Deutsche Kunst und Deutsche Politik“ schon im 19. Jahrhundert den ideologischen Nährboden gelegt, mit dem seine Landsleute 80 Jahre später jüdische Massengräber zuschaufelten. Wagner hat laut und öffentlich darüber nachgedacht, ob man seinen sehr viel erfolgreicheren jüdischen Kollegen Meyerbeer „nicht einfach beseitigen“ könne, um „wahrer deutscher Kunst“ Platz zu machen. Er war, streng ideologisch gesehen, ein echtes Schwein, ein narzisstisches, verblendetes Monster, das von seinem eigenen Genie so überzeugt war, dass er bis weit in seine 50er warten konnte, um es sich selbst und allen anderen endlich zu beweisen.
Wagner war Antisemit. Er hat „Das Judenthum in der Musik“ 1950 unter Pseudonym veröffentlicht und 20 Jahre später unter eigenem Namen noch einmal, nur in verschärfter Form, er hatte genau solche jüdischen Freunde wie Ronald Reagan oder Bush jr. schwule Freunde haben, und die Wirkungen lassen sich von den Hebeln eben nicht trennen, ohne dass man die Maschine kaputt macht.

COPs und infogene Lebenswirklichkeit

2011 verfasste ich aus dem Text "Communities of projects" (Manfred Faßler, 2006. In: Ch Reder (Hrsg.): Projekt Lesebuch, Wien, New York) dieses Schaubild:


Das Schaubild fasst die Dynamiken und Entwicklungen zusammen die Faßler gegenwärtig sieht: Ein Ende der Gesellschaftszeit und der Beginn einer Zeit der Communitites of projects (COPs). Es sind Projektgemeinschaften, die in virtuell-realen Orten ihre Heimat haben (künstliche Geosozialitäten), temporär festgelegt, durch Kompetenzen gesteuert werden. Näheres entnehmen man dem Schaubild.

2012 verfasste ich aus dem Buch "der infogene Mensch" (Manfred Faßler 2008, das Buch wurde hier bereits mehrfach zitiert) dieses Schaubild:


Es fasst sicherlich nicht das ganze Buch zusammen. Der Auftrag lautete hier wesentliche Argumente des Buches für das Konzept der infogenen Lebenswirklichkeit sichtbar zu machen. Es ist daher eher eine grobe Skizze. Zu dieser Thematik wird auf diesem Blog noch einiges an Text folgen, aber vielleicht kann dies hier als Appetithäppchen genutzt werden und Lust auf mehr machen.

Dienstag, 18. September 2012

Kritik des Avantgarde-Begriffs

Der Begriff Avantgarde scheint mir ein geschichtlicher und damit auch begrenzter Begriff zu sein, der bestimmte politische, soziale, kulturelle und historische Voraussetzungen hat. Gerade der militärische Bezug aus der Zeit der großen Nationalismen in Europa noch vor den zwei Weltkriegen, sollte mißtrauisch stimmen.

Freikorps-Poster ca. 1919

Die jeweiligen Avantgarden (kleine Gruppen mit straffer Ordnung) verstanden sich sehr wohl als (gewaltsamen/revolutionären) Angriff gegen Bürgerlichkeit, Hierarchie und Status quo. Daher auch die agressive Ausrichtung und mögliche Zugehörigkeit sowohl zu links- als auch rechtsutopistischen Lagern (s. Futurismus) und ein grundsätzlich antidemokratischer Zug.

 Luigi Russolo, Carlo Carrà, Filippo Tommaso Marinetti, Umberto Boccioni, and Gino Severini
Gleichzeitig ist der Begriff in seiner linearen Verortung beschränkt und reflektiert nicht auf  infogene Zusammenhänge oder andere Nichtlinearitäten. Schließlich spricht auch das Selbsverständnis der Avantgardisten, ihrer Zeit voraus zu sein und damit außerhalb des Gesamtzeitgefüges zu stehen (quasi in einer anachronistischen Zeitblase), gegen die Brauchbarkeit eines Begriffes der falsches elitäres Bewußtsein/Denken und damit Nischenbildung befördert.

Luigi Nono, Karel Goeyvaerts, Karlheinz Stockhausen

Egal wie modern oder experimentell ein Künstler ist, er kann nicht aus den Zwängen (Situationen, Verhandlungen, Programmierungen, Diskursen etc.) seiner Zeit/Umwelt treten! Wir sollten den Begriff der Avantgarde als historischen Begriff wahrnehmen und verwenden und im Gegenzug den Begriff der Moderne stärken oder eben neue Begrifflichkeiten entwickeln, die angemessener unsere Gegenwart wiederspiegeln.

Die Frage nach der Avantgarde 

Mittwoch, 12. September 2012

Die Wetterlage der Geschichte

Geschichte in jeder Form, ob Biographie oder die Geschichte der Menschheit, der Kultur, der Kunst oder der Musik ist komplex und nichtlinear. Sämtliche bisherigen Beschreibungen vernachlässigen diese wesentlichen Eigenschaften. Es werden Muster erkannt ähnlich wie beim Wetter, aber genaue Aussagen oder gar Vorhersagen sind nicht möglich, da das Gesamte komplexer ist mit all seinen Informationen, als wir erfassen können. Schon die geringsten Abweichungen der Ausgangsvariablen führen zu den größten und gegensätzlichsten Resultaten. Jede Aufzeichnung ist immer nur ein kleiner Ausschnitt aus allen möglichen Faktoren. Jedes Modell ist nur bis zur einer bestimmten Detailliertheit genau und läßt  den Rest durchs Raster fallen. Jede Verallgemeinerung ist genau das: Es werden Zusammenhänge ausgeblendet, die wir nicht erfassen, erkennen, verstehen oder interpretieren können. Wir erkennen klimabedingtes Wetter und Großwetterlagen, saisonale Veränderungen, aber nur weil wir hier Muster erkennen können oder erkennen zu glauben, da dies unserer linearen Perzeption unserer Umwelt entgegenkommt. Genauso ist es mit der Geschichte, die erst noch entdeckt werden müßte. Warum eine Epoche die andere ablöst, ein Stil den anderen, ist unklar und nicht mit simplen Terminologien wie Fortschritt und (logischer) Entwicklung zu beschreiben, geschweige denn zu verstehen. Immer ans Wetter denken: Wir wissen wie das Wetter ist, genau dann wenn es ist und immer nur dort wo wir sind. Leider wissen wir nicht: Warum und wie es woanders ist oder vorher war oder später sein wird. Das können wir nicht erkennen, wir benutzen Statistik und Induktion, tiefere Gründe sind uns noch nicht erschlossen. Also Geschichte ist wie Wetter, was eine schöne Metapher dafür ist, wie wir Geschichte umschreiben müssen.

Und weil es so schön ist, hier ein bißchen Wetter:

video

Kind am Möbel

Improvisationen am verstimmten Klavier mit quietschendem Hocker

Improvisationen und Videoelemente

Ich selber habe schon als Kind sehr gerne auf dem Klavier improvisiert: Die unbeeinflusste (?) und unvoreingenommene (?) Aneignung (?) dieses Blocks in der bürgerlichen Stube hat mir wundervolle Stunden beschert. Das Lärmen, Ausprobieren und Kommunizieren mit dem Instrument, seinen Strukturen und Farben schien mir immer angemessen, da möglich. Hier war keine Syntax oder Grammatik nötig: Es gab eine Architektur (Spielplatz), die es zu erkunden, zu entdecken und zu kartographieren galt. Es ging nicht um Satzweisen und Töne, es ging um Direktionalitäten, Bewegungen, die Klaviatur als Labyrinth. Und auch heute  haben diese Beobachtungen ihre Gültigkeit und ich empfinde diesen spielerischen Anreiz. 
Ich habe ein wundervoll verstimmtes Exemplar zu hause und mich reizt die Idee in Black Box Improvisationen auf einem verstimmten Klavier mit einzubeziehen, eventuell sogar in Videoform. Hier ist eine Probe mit quietschender Klavierbank.
 


Samstag, 8. September 2012

Materialfortschritt?

"Nicht nur verengt und erweitert es (das Material, Hg.) sich mit dem Gang der Geschichte, sondern alle seine spezifischen Züge sind Male des geschichtlichen Prozesses."  aus Theodor W. Adorno Die Philosophie der Neuen Musik

Die Frage ist ja nicht mehr der Materialfortschritt oder -stand, der hat sich ja wie jede Modeerscheinung im Zuge der Autonomiebewegungen und -wenden als limitiert und vergänglich entlarvt. Die Frage ist vielmehr: Was wir mit dem ganzen Wissen und der Technik anfangen, wie naiv oder reflektiert gehen wir damit um?

Daher ist der Ansatz H. Lehmanns so interessant, dass die Postmoderne mittels Ironie die obsoleten Materialien wieder verfügbar machte, sich jetzt aber selbst überlebt hat und ironie nur noch ein Medium unter anderen ist.

Natürlich werden weiterhin neue Spieltechniken und Technologien entwickelt, aber diese sind eben nicht mehr wesentliche Merkmale der modernen Musik.

Ein Ende der Kunst ist erstmal nicht in Sicht.

Donnerstag, 6. September 2012

Interaktive Muskel Musik

Hier ein wunderbares interaktives Internetfundstück. Obwohl ein Comercial, nehmen wir es hier in diesen Blog, wegen der schönen Umsetzung der Idee einer EinMannBand und der Idee einer alternativen Steuerung  und damit ungewohnten Interface-Erweiterung. Die am Ende des Videos aufgesetzte interaktive Oberfläche ermöglicht die Steuerung der einzelnen Muskeln mittels Tastatur und damit die Reproduktion der einzelnen Soundsamples: Ein wunderbares Instrument/Interface zum Improvisieren und Musizieren für jeden.

Old Spice Muscle Music from Terry Crews on Vimeo.

Mittwoch, 5. September 2012

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 1

  In diesem Beitrag, der sich letztlich als Essay versteht, soll in verschiedenen Teilen die wesentlichen Merkmale einer Kulturanthropologie des Medialen skizziert werden, um sie letztlich auf die Musik übertragen zu können. Es sind unvollständige Gedankengänge, die als Denkstütze zu verstehen sind.

  Im ersten Fragment soll die Perspektive, der theoretische Ansatz und die Entstehung von Künstlichkeit umrissen werden. Dabei werden die Theorien von Manfred Faßler verwandt, der in Frankfurt am Main den Lehrstuhl für Kulturanthropologie des Medialen inne hat.

Eingang. In seinem Buch "Der infogene Mensche" wird die Grundsätzliche Charakteristik des Menschen Unterschiede zu erzeugen, zu erhalten und weiterzugeben, sowie Unterscheidungen zu machen dargestellt. Ausgangspunkt dazu ist eine konstruktivistische Sichtweise, die beim Denken des Menschen ansetzt. Physiologisch gesprochen geht es um das Gehirn, dessen Neurofunktionalität und epigenetischer Veränderungs- und Anpassungsmöglichkeiten. Was ist Denken, und was resultiert daraus?

Information. Um Energie- und Datenströme beschreiben zu können bedient sich Faßler des Begriffs Information. Dieser beschreibt den kleinst möglichen Unterschied. "Rot" ist bspw. eine Information i.d.S. es sich von "grün" oder anderen Farben trennt. Man muss dabei davon ausgehen, dass sich das gesamte menschliche Symbolsystem auf Unterschiede bezieht. "Stuhl" ist einer Unterscheidungsleistung des Menschen, der sich nicht nur begrifflich vom Tisch trennt, sondern auch selektive Inhalte liefert: Sitzen, Hocken, etc. Wenn Menschen beobachten, ihre Umwelt, ihre Mitmenschen entwerfen sie. Beobachtung ist ein Entwurf im Gehirn des Menschen. Die Beobachtung der Natur führt demnach nicht zu einer Beschreibung der Natur (als ob diese "wahrheitlich" beschrieben werden kann), sondern erstellt einen Entwurf dieser Natur im Gehirn. Man sollte dabei nicht dazu geneigt diesen Entwurf als Projektion oder Abbild zu verstehen. Der Entwurf im Kopf des Menschen hat mit dem Außen per se nichts zu tun. Informationen sind letztlich ausgewählte und wahrgenommene Daten - wahrgenommene Unterschiede, die als Entwurf im Gehirn des Menschen zwischengespeichert werden. Damit ist gesagt, dass


  1. keine Wahrheit über irgendetwas beschreibend formuliert werden kann.
  1. etwas, das als Wahrheit oder Natürlichkeit beschrieben wird, nichts anderes als der Entwurf der Beobachtung ist. Dieser kann durch Wiederholung und Häufigkeit als Typologie manifestiert werden, und somit als Standard in gewissen Kontexten gehändelt werden.
  1. eine Natürlichkeit der Dinge existiert damit genauso wenig die Selbstverständlichkeit von Umständen. Es sind Entwürfe des Denkens, die es in gewisse Modelle der Tradierung geschafft haben um somit für mehrere Menschen kommunizierbar zu sein.
  1. Die Welt, wie wir sie kennen, ist vollständig von uns gemacht. Es gibt nur Unterschiede die von Menschen gesetzt wurden, und Unterscheidungen, die von Menschen als Tradition/Symbol/Erzählung weitergegeben werden.
  1. Die Natürlichkeit der Dinge ist die gedachte Natürlichkeit von Daten und Informationen.
  1. Welt ist ein Gestaltungsmonopol des Menschen/der Menschheit, welche sie Kontexte entwirft und darin lebt.
  1. Hieraus ist keine Negierung an des Menschen "Menschlichkeit" zu sehen. Dies ist der (normativ) positivste Ansatz für menschliches Handeln und Leben. Menschen haben die Pflicht, Aufgabe, Freude und Notwendigkeit ihre Welt zu machen.



Außen und Innen. Francesco Varela sagte in einem Vortrag "my perception is there, outside" (Faßler (2008): Der infogene Mensch. S.129). Außen beschreibt ein Außen des menschlichen Körpers, und damit seines Gehirns. Es wird für den Menschen nutzbar, in dem er es in informationelle Modelle verpackt (Information = Unterschiede) und somit kognitiv anwenden kann.
Wahrnehmung und Denken entstehe und bewege sich im Außen, in dem erfundenen Raum der Realität, auf den (Raum) und auf die (Realität) wir Menschen uns beziehen müssen, um sinnlich denkend zu leben. Dieser Bezug gelingt durch informationelle Modelle. Der Blick in das Innerste der Dinge, der Welt, des Gegenübers ist ein Blick in ein gedachtes Außen. Das Gehirn (my perception) wird zum schaffenden Naturprinzip, das zugleich in jeder Schaltung (Idee, Empfindung, Assoziation) von der Zufuhr kognitiver Rohstoffe (Information) abhängig ist.[...] Folgerung ist schlüssig: die Muster, die sich im Gehirn entwickeln, sind keine Repräsentation von Außenwelt. Sie entstehen als "im Subjekt definierte Antwortmuster zu Außenreizen"  als "Interne Repräsentation" [(Breidbach: 3 & 13)]. Diese "Interne Repräsentation" birgt keineswegs beliebige Freiheit. Sie ist Regie und Regime des Außen, aber nicht direkt, nicht formsetzend. Die Regie erfolgt über Informationen, d.h. über Reizaufnahme, Reizselektions- und Abspeicherungsfunktionen, über die neurophysiologische Bereitstellung formfähiger Informationen. Information ist "das, was wir von der Welt zu wissen scheinen" (13)." (ebd. S.130)
 Was ergibt sich darauf für eine Anthropologie?

Künstlichkeit. Hieraus sollte klar werden, was im Grunde mit Künstlichkeit gemeint ist. In Diskussionen um die "Virtualität von Internet" betonte ich immer wieder, dass das Internet nicht "mehr virtuell" sei, als unsere Realität. Eine klare begriffliche Ausdifferenzierung in virtuelle und reale Welten ist i.d.S. nicht möglich. Aus dem oben skizzierten Ansatz muss folgen, dass Menschen sich künstliche Welten schaffen, um darin und dadurch überleben zu können. Künstliche Welten zeichnen sich indes nicht dadurch aus, dass sie nur im Internet vorkommen. Gesellschaft, Alltag - der Gang zum Bäcker, der Einkauf, das Gespräch - sind Produkte informationellen, d.h. selektiv auswählenden, entwerfend beobachtenden Denkens und damit Künstlichkeiten. 
"Biologisch gesprochen ist die Simulation der Umwelt in der virtuellen Realität charakteristisch für das Überleben der Menschheit. Sie ist der Grund dafür, dass es Menschen gibt. Die ökologische Nische, die Menschen besetzen, hängt genauso unmittelbar und absolut von der virtuellen Realität ab, wie die der Koalabären von den Eukalyptusbäumen." (Deutsch 1996: 136)
Zunächst sollten wir festhalten, dass an dem Begriff Information mehr zu hängen scheint als bisweilen angenommen. Dass Information schon seitdem es Menschen gibt das wesentliche Parameter zur Gestaltung menschlichen Lebens ist. Und dieses menschliche Leben scheint als Künstlichkeit - oder wie von Deutsch formuliert: Simulation - der Kontext menschlicher Selbstorganisation zu sein. In den weiteren Texten sollen diese sehr groben Gedankengänge sukzessive vertieft werden.

Kulturanthropologie des Medialen - ein Manifest

Kulturanthropologie des Medialen - sie bildet eine Grundlage für das neue Aufrollen von längst eingestaubten Themen unseres Alltags. Prof. Dr. Manfred Faßler beschreibt in seinem Manifest ein Arbeitsprogramm, dass sich inhaltlich auch auf unsere Thematik übertragen lässt. Als Musiker und Kulturanthropologe ist es daher eine Aufgabe die koevolutionäre Anthropologie nach Faßler auch auf Programme ästhetischer Akustik zu übertragen.

Aus dem Text:

"Entgegen dieser überholten disziplinären Teilung bezieht sich der am  Frankfurter 
Institut entwickelte Ansatz der Anthropologie des Medialen

(1.) auf eine Entwicklungslehre des Abstrakten, die N. ELIAS in seinem Essay 
„Über die Zeit“ einforderte, und die die Felder der Neurophysiologie, der Kognitionsforschung und der Erforschung der  (formalen, visuellen, abduktiven / 
deduktiven / induktiven) Logiken von Abstraktionssystemen berücksichtigt,  
(2.) auf eine hinreichend komplexe Methodik für die Erforschung der medialen 
(schriftlichen, bildlichen, akustischen, multisensorischen, multimedialen) 
Selbstbefähigungen des Menschen,  
(3.) auf die immer  detaillierter ausgelegten sozio-technischen Systeme, die 
längst nicht mehr mechanisch dominieren, keiner Archäologie zuzuordnen, 
sondern digital im Nano- oder Astrobereich präsent sind, und  
(4.) auf die  Mediamorphosis (R. FIDLER) kommunikativer Felder, kurzzeitiger 
Lokalisierungen und Regionalisierungen, ´flüchtiger´ kultureller Zusammenhänge, netzintegrierter Communities of Projects (M. FAßLER)  oder medialer 
„neuer Intelligenz“ (S. JOHNSON).   

Die mit diesen vier Feldern einhergehende Forschungsprogrammatik richtet sich an 
Fragestellungen des 21. Jahrhunderts aus. Sie muss selbstverständlich natur-, technik- und computerwissenschaftliche Forschungen integrieren. Der Rahmen, in dem 
dies geschieht und geschehen wird, ist:  Koevolutionäre Anthropologie."