Montag, 29. Oktober 2012

Erlernbares Programmieren / Programming is a way of thinking

Bret Victor: Learnable Programming ist ein englischer Essay über das Programmieren, Programmierumgebungen und Programiersprachen und wie diese erlernt werden können oder noch besser: welche Voraussetzungen erforderlich zum Erlernen.

A programming system has two parts. The programming "environment" is the part that's installed on the computer. The programming "language" is the part that's installed in the programmer's head.
This essay presents a set of design principles for an environment and language suitable for learning.
The environment should allow the learner to:
  • read the vocabulary -- what do these words mean?
  • follow the flow -- what happens when?
  • see the state -- what is the computer thinking?
  • create by reacting -- start somewhere, then sculpt
  • create by abstracting -- start concrete, then generalize
The language should provide:
  • identity and metaphor -- how can I relate the computer's world to my own?
  • decomposition -- how do I break down my thoughts into mind-sized pieces?
  • recomposition -- how do I glue pieces together?
  • readability -- what do these words mean?
Der sehr lesenswerte Essay, als Kritik und Anregung für Software- oder Systementwickler geschrieben, interessiert uns wegen seiner anschaulichen Konzeption von Programmen als Denkweisen.

Freitag, 19. Oktober 2012

Begrenztheit musikalischer Terminologie - Ideen für eine neue Begrifflichkeit (2)

Strategien, die das künstlerische Subjekt entlasten? 

Immer wieder begegnen uns in der Kompositionsgeschichte subjektentlastende Strategien, d.h. ausgewählte Modelle, die einer scheinbaren Eigenlogik folgen, die in allen diesen Fällen angezapft werden soll - : Um was eigentlich zu erreichen? Solche subjektentlastenden Strategien sind für mich sämtliche Modelle mit einem Hang zur Ökonomisierung, Rationalisierung und Simplifizierung: Das ist das Thema, das Motiv, der Leitgedanke, die Skala, die Tonart, die Fuge, der Tanztypus, die Passacaglia, die Zwölftonreihe, der Algorithmus, die Statistik etc. Ökonomisierung, Rationalisierung und Simplifizierung geben hier auch schon eine Teilantwort. Ein weiterer Schlüssel zur Anwort liegt für mich in der Differenzierung (Veränderung): Diese Modelle dienen der Abstoßung. Damit wird die Verwandlung, Veränderung, Demontage, Destruktion oder Dekonstruktion zum Wichtigsten in der Musik. Diese sind schwierig darzustellen ohne die Schablone, ohne das Modell.

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Dienstag, 16. Oktober 2012

Begrenztheit musikalischer Terminologie - Ideen für eine neue Begrifflichkeit (1)

Sprechen über Musik

Die beschränkten Möglichkeiten über Musik zu sprechen, mittels Sprache Musikalisches zu beschreiben sind ein Teil des problematischen Zugangs der Musiktheorie und  -philosophie zum Gegenstand der Musik. Ein anderer die etablierten Werkzeuge dieser beiden, die als musikalische Terminologie spezifische geschichtliche Modelle reflektieren, deren (Zeit-)Kern schwer in unsere Gegenwart hinübergerettet werden kann. So werden diese Termini seltsam leer und schwer zugleich, ihre Treffsicherheit vermindert sich, so als würden wir mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießen (was das diffizile Verhältnis von Terminologie und beschriebenem Gegenstand in ein bezeichnendes Verhältnis setzt). Es spricht nichts dagegen, sich diese vergangenen Modelle des Sprechens über Musik anzueigenen und nachzuvollziehen. Dennoch sollten wir diese Modelle oder Wirklichkeitskonstrukte aus der nötigen Distanz betrachten und als Geschichtliche verstehen.

Das Denken von Modellen

Gemeinsam ist allen Prozessen sowohl der Analyse der Theorie und Philosophie als auch der Synthese der Komposition oder wie auch immer gearteten Produktion von Kunst das Denken von Modellen. Dieses Denken von Modellen kann auch als übergreifendes Moment menschlichen Bewußtsein verstanden werden. Es ist kreativ, konstruktiv, gestaltend, entwerfend und damit eine Grundkonstituente von Handeln und Tun, also von Praxis oder Kommunikation mit einem Aussen (Nicht-Ich). Über diese Modelle dringen wir aus unserem Inneren in dieses Aussen, sie sind zugleich Welterschließung wie auch Weltgestaltung und damit konstruierte Wirklichkeit. Der Charakter von Modellen ist ihre Zeitlichkeit: Sie sind nicht allgemeingültig, d.h. unabhängig von Hier (Raum), Jetzt (Zeit) und Ich (Sprecher). Das Modell trägt in sich die Bereitschaft zur Modifikation. Es basiert auf anderen Modellen und es erzeugt neue Modelle. Das Ausschnitthafte dem Aphorismus oder Axiom verwandte ist seine Stärke.

Das musikalische Modell?

Was ist der Unterschied zwischen einem Werk von Boulez oder Xenakis? Oder noch weitergehend: Was ist der Unterschied zwischen Stilen, Epochen, Schulen, Richtungen? Für mich ist es die Oberfläche. Aber was ist das Gemeinsame? Das Arbeiten (Komponieren) mit Modellen und deren Modifizierung! Unter diesem Blickwinkel haben die verschiedenen kompositionsgeschichtlichen Epochen (und deren Werke) mehr gemeinsam als sie unterscheidet.

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Nachlese zu Lehmanns 'Avantgarde heute' (Stichpunkte)

Was ist der Unterschied zwischen Werk (Ergon) und Medium?

Warum beginnt die Avantgarde mit der Zwölftontechnik?

Die Einsicht in die freie atonale Phase scheint sehr oberflächlich: Warum ist nicht hier die Frage nach der Avantgarde verankert? Steckt nicht ein viel höheres 'Unruhepotential' in der freien Setzung? Im Gegenteil spricht Lehmann hier von schneller Überwindung (s. S. 30).

Es fehlt eine tiefergehende Analyse für die Struktur- bzw. Stilwechsel in der Moderne.


Freitag, 12. Oktober 2012

Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit

Aus der Zusammenarbeit mit dem Forschungsnetzwerk FAMe, dass von Manfred Faßler in Fankfurt gegründet wurde, entsteht zurzeit ein Forschungsprojekt mit dem aktuellen (und vorläufigen) Arbeitstitel "Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit". Faßler stellt in diesem Netzwerk Theorien zur Verfügung, welche hier wesentlich zur Anwendung kommen. In einer ersten Skizze entstand folgender Text, welcher auch unsere Intention für diesen Blog gut wiedergibt:


Wir versuchen es kurz zu halten

und müssen uns dennoch um eine Einleitung bemühen. Eine Frage, die sich als Forschungsfrage auftun könnte, sollte ein klein wenig vorbereitet werden. Als Kulturanthropologe, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der anthropogenen Welt zu erforschen, und als ein Musiker und Komponist, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der Musik zu entdecken/verdeutlichen/darzustellen, versuchten wir die Problematik des „hohen Kulturguts Musik“ in Zeiten der Evidentwerdung von der Programmhaftigkeit menschlicher Schöpfungen (Abstraktionen und Artefakte) mit diesen Aspekten der Interfaces, Informationen, Wissens, Räume, Denken, etc. zu verbinden.

Ausgangspunkt: Der Kulturanthropologe ist neben seinem Studium auch noch Organist. Gegenwärtig sieht er sich mit einer in der Öffentlichkeit breit dargestellten Diskussion zur Digitalisierung der Orgel konfrontiert. Ausgelöst von einem Ausnahmekünstler namens Cameron Carpenter, der die analoge Orgel, dieses monströse Gebälk an irgendeiner Wand, angebliches Produkt von linearen Systemen (Kirche), sich zu Eigen machen will, indem er sie digitalisiert. Möglichkeiten ausschöpfen, das Wesen der Orgel zerstören (Kirchenväter und kirchentreue Musiker sind empört), sie in ihrer Programmhaftigkeit sich selbst überführen. Die Kopplungen Orgel-Kirche, Musik-Sakralität, Pfeifen-Altar, Bach-Kirche/Bach-1700/Bach-Gott, Orgelmusik-Gott, etc. aufbrechen. Neue Verbindungen schaffen in der Lücke, die zurzeit nur einen Hoheitsanspruch hat (zumindest in unseren Breiten): Orgel dient der Kirche, und damit Gott. Auf der Orgel ist demnach auch nichts anderes darstellbar. Diese Deutungs- und Wahrheitshegemonien soll abgeladen werden. Und dies gilt eben nicht nur einem Instrument.

Der Komponist ist vor allem an der Musikschaffung in elektronischen und digitalen Softwares beteiligt und sieht das Interesse an der Offenlegung der Künstlichkeit von Instrumenten und Musik im Allgemeinen. Wie nach Kreidler: „Die da vorne sitzen [Musiker auf der Orchesterbühne] sind die ewig gestrigen“. Abspielen (bloße Widergabe?) von Noten (deutungsintensiven Symbolen und Informationen) auf handfesten Papier (auf dem man noch schreiben kann) mit analogen Instrumenten, die glücklicherweise echt sind, und deswegen auch wahrhaftiges verkünden können.

Historische Aufführungspraxen (wir kommen an das Original schon ran), Innovationslosigkeit in der Instrumentenentwicklung (sollte der Bedarf an Informationsverarbeitung gedeckt sein?), die Abwehr der Digitalisierung von Interfaces (Noten) und Medien (Instrumenten) und die Entdeckung der Programmhaftigkeit und Infogenität von Musik.

Räume der Musik, Musikräume: Zusammenhänge der Selbstorganisationsweisen von Musik und Musikern; Wissens der Konzerte (hören, veranstalten, spielen), der Instrumente, etc. Zusammenhänge des Akustischen (Erwartungserwartungen, Störungssensitive Übertragungsketten, etc.): diskrete Mengen (Musiker, Musik, Stücke, Komponisten) in markierten Räumen (Konzertsäle, Notenpapier, Veranstaltungen).

Was soll uns Musik bedeuten? Was soll sie leisten? Inwiefern ist sie in heutiger Zeit tauglich (dem Kontext, den Menschen, den Entwicklungen)? Wie kann sie aus Deutungs-, Wahrheits- und Hoheitsansprüchen herausgelöst werden?


Dienstag, 2. Oktober 2012

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 3

Kurz gefasst


Menschen unterscheiden, wenn sie Informationen machen. Daten sind vorgespeicherte Unterschiede - Informationen kleinstmögliche Möglichkeitsvarianten von Daten. Wenn Menschen ihre Welt beobachten und beschreiben entwerfen sie diese erst. Diese Idee folgt einem radikal neurobiologischen Konstruktivismus[1], demnach es biologisch nicht möglich ist eine Repräsentation der Welt da draußen zu erfahren[2], sondern nur eine Welt des Innen mit Bezug zu (einem gedachten) Außen entwerfend zu denken.[3] Aus diesem Entwurf können in Koordination mit anderen Entwürfen (von anderen Menschen), gruppenbezogene Zusammenhänge entstehen. Diese Koordination beschreibt sich letztlich als Eliminierung von Informationsmengen, um eine lineare Verstetigung zu erzeugen; bspw. zum Systemerhalt. Diese gruppenbezogenen Zusammenhänge sind quasi Programme, d.i. „kollektive Logiken“[4] (u.a. Denk- und Handlungsweisen). Programme sind demnach koordinierte diskrete, weil singulär von jedem einzelnen Menschen entworfene, Mengen an Informationen.

Diese Programme können auch mit dem Begriff der strukturellen Kopplung beschrieben werden.[5] Maturana und Varela beschreiben damit die kontinuierliche Interaktionszirkularität von Lebewesen. Sie ist immer positiv für die Interaktionspartner, da es sich um eine strukturelle, d.h. biologisch-physikalische, Kopplung handelt. Dieser Aspekt der strukturellen Kopplungen wird in einem anderen Beitrag nochmals ausführlich aufgegriffen.



[1] vgl. Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main.
[2] Angesprochen sind damit u.a. Themen wie Nervensysteme, Reizverarbeitung, Koordination von Sensorik und Motorik, etc.
[3] vgl. Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. S.129f
[4]Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. S.168
[5] Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main. S.110f

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 2

Schlagabtausch


Virtuell gegen Real scheint das Schlagwort gegenwärtiger Analysen – egal ob journalistisch oder wissenschaftlich – zu sein. In der Arena um die Deutungshoheit dieses Kampfes stehen Buch gegen e-book; Stift gegen Tastatur; Internet gegen Realität. In den Bestsellerlisten von Kaufhäusern stehen Bücher wie von M. Spitzer „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um unseren Verstand bringen“ oder von S. Turkle „Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“. Sie alle nehmen diesen Kampf auf und begeben sich in die Arena. Wohlwissentlich, dass ihre Ansichten die Natürlichkeit des Menschen und seine wirkliche Realität (und eben nicht die Virtualität) verteidigen und vor dem Feind Internet retten und bewahren.

Selbst in Studien von Soziologen und Ethnologen geschehen immer wieder Sätze und Aussagen, die dem Internet zwar seine Gefahr nehmen wollen, es aber dennoch als virtuell, und damit meist normativ dem Realen unterlegen, stehenlassen.

Auf einer Kommissionssitzung an der Phillips-Universität zu Marburg, die sich „Digitalisierung im Alltag“ nennt, brannte ein heftiger Streit darüber aus, ob es real-virtuell oder virtuell-faktisch oder nur online-offline heißen sollte: diese Unterscheidung zweier Welten.

Dem allen steht eines zuvor: Das Reale ist nicht das Virtuelle; das Reale ist natürlich – das Virtuelle nicht. Und wie es in unseren Kontexten zugehen kann, passiert es, dass man zwar Kunst lobt, aber Künstlichkeit ablehnt.
Wozu dieser Einstieg?
Die Diskussion ist aufgeheizt. Hier ist sie nicht zu lösen. Und doch: es gibt vielversprechende Konzepte abseits der bisher hochfrequentierten Theorien, die ein Umdenken ermöglichen. Sie sollen hier in Form eines eigenen Konzeptes vorgestellt werden. Und dieses ist: Lebenswirklichkeit.

Dazu bediene ich mich einiger Grundlagen:

Information. Unter der Annahme, dass Information schon immer das wesentliche Werkzeug oder Bauelement der Menschheit war, soll erörtert werden wie dieser Begriff es ermöglicht die verschiedenen künstlichen Zusammenhänge, die Menschen schaffen und weiterschaffen, zu analysieren. Es steht davor: Informationen sind Unterscheidungen; Daten sind Unterschiede. Menschliches Handeln ist Unterscheiden – ist im basalen Verständnis infogen.[1]

Programme. Konzepte dieser Unterscheidungen und Unterschiede werden in menschlichen Interaktionen zu Programmen geformt.[2] Sie sind (epigenetische) änderungssensitive und formgebende Modelle zur partizipativen Infogenese. Mindestens zwei Menschen formen durch Aushandlungsprozesse Programminhalte und gestalten dadurch ihren Alltag: den Gang zum Bäcker, das Gespräch, etc.

Situation. Aushandlungsprozesse stellen sich vielfältig dar: Es sind Prozesse des Beobachtens, Beschreibens, Diskutierens, Sprechens, Schreibens, etc. In diesen Prozessen werden diskrete Modelle der Welt (wie sie im Gehirn existieren) in Zusammenhänge transformiert: In einem Ereignis, einer Situation – einem infogenen Vorgang von Interaktion. Keine Zustände oder Räume schaffen dies: Situation schafft Situation.

Erkennen.
 „Wir werden nämlich eine Sicht vortragen, die das Erkennen nicht als eine Repräsentation der "Welt da draußen" versteht, sondern als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozess des Lebens selbst.“[4]

Das Konzept von Lebenswirklichkeit versteht sich auch als ein Konzept von neurobiologischer Erkenntnistheorie: Die im Zitat angesprochene Welt, welche im Hervorbringen des Lebens selbst steht, wird hier als Lebenswirklichkeit verwandt. Sie entsteht als eine Künstlichkeit menschlicher Erkenntnis, die hier als Entwerfen verstanden wird. Die Welt, die wir uns schaffen, ist eine Welt aus/unseres Denkens.
Wo bleibt der zu Beginn angesprochene Dualismus? Er wird unnötig. Mit diesem Konzept, wird es unnötig in eine virtuelle und reale Welt zu unterscheiden: Es sind beides Welten unserer Lebenswirklichkeit.



[1] Vgl. Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. Vorwort
[2] Wobei erwähnt werden sollte, dass sich diese Konzept von dem Programmkonzept von N.Chomsky unterscheidet.
[4] Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main. S.7