Mittwoch, 14. November 2012

Konstruktivismus und Musik

Als Kulturanthropologe beschäftige ich mich sehr viel mit den Lehren des Konstruktivismus. Wenn man das so als Lehren bezeichnen kann, denn ein Konstruktivist würde sich sicherlich dagegen aussprechen seine Gedanken in einen Kanon von "Material zu Vermittlung" packen zu lassen. Womit man quasi auch schon mitten im Geschehen ist.

Dies sind wiederum nur Skizzen, die ein paar Gedankengänge typografisch festhalten sollen. Sie werden später noch weiter ausgeführt.

Glasersfeld. Es hat schon einen persönlichen Grund, dass ich Ernst von Glasersfeld zuerst nenne. Mal abgesehen davon, dass er quasi die Idee des Konstruktivismus schuf, machte er auf mich den größten Eindruck während des Lesens. Seine Idee: Viabilität. Um die Probleme der Korrespondenztheorie, also die Frage nach der Korrespondenz zwischen ontischer Wirklichkeit und erfahrbarer Wirklichkeit, zu lösen schlägt er vor die Funktion der Korrespondenz zu vernachlässigen. Die Unterscheidung in erfahrbarer Wirklichkeit und ontischer Wirklichkeit sollte dabei bestehen bleiben. Demnach kann in einer erfahrbaren Welt nichts über eine ontische Welt gesagt werden.
Viabel (also passend, oder angepasst) ist demnach eine Theorie (oder was auch immer der erfahrbaren Welt), wenn sie schlicht und ergreifend funktioniert. Deutlich wird dies, wenn ein Theoriemodell als veraltet gilt, und einem anderen Modell Platz machen muss.
Der Grad der Viabilität wird an einem Kollaps deutlich: was an einen Gegenstand stößt (wortwörtlich: dagegen), erweist sich als nicht viabel der ontischen Wirklichkeit.

Damit ist auch gesagt, wie die erfahrbare Welt produziert wird: Durch ein Individuum, dessen Erfahrungen und Gedanken konstruieren. Dieses Konstrukt hat aber im ontologischen Sinne nichts mit der Genese einer ontischen Wirklichkeit zu tun. In den Fokus der Betrachtungen rutscht damit der Beobachter mit seinen Beobachtungen. "Ich finde" ist danach die beste Beschreibung, für die Welt des Beobachters.

Natürlich besteht die Gefahr des Solipsismus. Man kann sich vorstellen, dass ein solipsistischen Weltbild nicht erklären kann, wie eine Gesellschaft etc. entsteht.

Varela. Francisco Varela bezeichnet sich selbst nicht als Konstruktivisten, und dennoch schiebe ich ihn in diese Sparte. Schlicht aus dem Grund, da er hilft ein konstruktivistisches Modell weiterzuentwickeln (auch wenn das sicherlich nicht in seinem Sinne wäre).
Varela verneint die Trennung von Subjekt und Objekt. Nicht im realistischen Sinne, demnach erst das Objekt dann das Subjekt, nicht im konstruktivistischen Sinne, erst das Subjekt dann das Objekt (von Ursache und Wirkung), sondern eine Kopplung. "Beide existieren nur in wechselseitiger Abhängigkeit, und in gegenseitiger Bestimmung."

Angesprochen ist damit eine (1) Interaktionszirkularität und (2) strukturelle Kopplung:
(1) Hervorbringen der Welt, durch den Prozess des Lebens selbst
(2) Die Kopplung von Umwelt und Lebewesen (biologisch gesprochen) ist immer eine positive Kopplung, denn sie ermöglich erst das Leben an sich. Wer nicht gekoppelt ist, und demnach angepasst, lebt nicht.

Damit fallen wesentliche Elemente bisher herkömmlicher Argumentationen weg:
1. Evolution ist kein Kampf des Stärkeren, sondern ein emergenter Prozess.
2. Wirklichkeit kann nicht abgebildet werden (dazu fehlen sogar biologische und physikalische Mechanismen im menschlichen Körper).
3. Erfahrbare Wirklichkeit ist ein Produkt aus dem emergenten Kopplungsgeschehen von Individuum und seiner Umwelt (Mitmenschem, etc.)

Was bedeutet dies für Musik?

Grob:
1. Es gibt keinen Zeitgeist, der musikalisch dargestellt werden muss.
2. Jede Musik kann aufgeführt werden, solange sie funktioniert (man sie aufführen und hören kann)
3. Jeder Musiker ist in seiner Interpretation nicht an Stil und Tradition gebunden, sondern an sein Gehirn. Was das Gehirn bis dato gelernt hat, welche Strukturen und Funktionalitäten es aus den Kopplungen entworfen hat, kann musikalisch zum Ausdruck kommen.

Daher:
i. Musik muss sich von unsinnigen Absolutheitsansprüchen trennen (restlos)
ii: Musik muss den Musiker ernst nehmen: dieser entwirft die Musik, nicht der Komponist!
iii: Musik muss den Fokus auf die Kopplung und deren Poiese und Poetik setzen: Nicht Lehre, wie Musik gemacht werden muss, sondern lernen wie man Musik machen kann. Gefordert ist damit die Idee eines Möglichkeitenkatalogs, und kein kanonisches Recht.
iv: Musik ist keine kulturelle Maxime menschlichen Handelns. Musik ist eine Leistung unseres Gehirn, und des menschlichen Körpers. Damit sind sämtliche Stile der Musik auf einem gleichen qualitativen Niveau (der Unterschied Popmusik und klassische Musik ist haltlos).


Literatur:

  • Pörksen, Bernhard (2008): Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus. Carl-Auer Verlag.
  • Gumin, Heinz/Meier, Heinrich (Hrsg.) (1992): Einführung in den Konstrukivismus. Piper.
  • Maturana, Humberto/Varela Francisco (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer.
  • Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Fink

Kommentare:

  1. Was macht ein Komponist? Sind die Noten/Partitur nur ein Interface/Hardware Device? Ist Komponieren eine Schreibkunst?

    AntwortenLöschen
  2. Gute Frage.
    Zumindest muss das neu überdacht werden. Ausformuliert habe ich das noch nicht.

    Vielleicht solche Denkanstöße:
    - Noten/Buch/Text/... als Interface, ikonografisch speichernde Medien
    - Komponieren nicht als Abbild "der Musik im Kopf", sondern als emergentes Produkt von Gehirn/Neurofunktionalität/Kopplungen/Interaktionszirkularitäten
    - Damit wäre der Komponist nicht Herr seiner Musik, sondern lediglich Ausdruckgeber seiner erfahrenen Wirklichkeit
    - Demnach muss in Rechnung getragen werden, dass andere Musiker im Gegensatz zu dem Komponisten, andere Erfahrungen hat.

    Ebenfalls müsste neu überdacht werden:
    - Urheberrecht
    - musikalische Interpretation (höhere normative Gewichtung als Komposition)
    - ...

    Das muss weiter ausformuliert werden, aber als Einstieg.

    Es entstehen dadurch auch (und eben!) neue Möglichkeiten und Wege:
    - Musiker/Komponist muss kein (akademisch) ausgebildeter Experte sein
    - Musik kann stilistisch frei und experimentell entworfen werden (Komposition und Interpretation)
    - Damit kann auch stilistisch gebundene Musik immer wieder aufgeführt werden (Barockmusik im 21Jhd.), wenn sie nicht stilistisch gebunden interpretiert werden (weg von Aufführungspraxen)
    - was funktioniert hat generelle Legitimation: Wo viele Zuhörer sind, kann nicht als U-Musik abgewertet werden, sondern muss in den Prozess der Musikkreation und die Diskurse einbezogen werden.

    Abgesehen davon ist die Methode der Komposition heute per se verändert als vor 100 Jahren. Nur kann ich dazu wenig Aussagen machen. Das müsstest du mal tun...?!
    Bzw. vielleicht könntest du ja mal den Prozess des Komponierens (wie du das auf dem PC tust) analytisch notieren und zur Reflexion geben.

    AntwortenLöschen
  3. @Dennis Eckhardt: Bin restlos einverstanden. Meine Kompositionen (auch orchestrale!) entstehen am MIDI-Keyboard: Der "Urtext" ist dann das Standard MIDI File, nicht die Partitur, die muss bzw. kann erst im Nachhinein erstellt werden. "Polyphonie" entsteht in diesen Kompositionen, indem ich eine musikalische Linie improvisiere und dann mit einer neuen "kommentiere". Es handelt sich also um eine Art "improvisierten Kontrapunkt". Wenn man so will, stellt das so entstehende Geflecht von musikalischen Linien auch eine Art "Kopplungsgeschehen" im Sinne des Radikalen Konstruktivismus dar (allerdings auf einer Mikro-Ebene): Es bildet, jetzt mal metaphorisch gesprochen, ein "neuronales Netz" von Gedanken mit musikalischen Mitteln ab. Ob sich dies allerdings dem Hörer vermittelt, ist eine andere Frage... Hörbeispiele gibt's hier: http://laut.fm/hetzelradio

    AntwortenLöschen
  4. @Stefan: Danke für das tolle Beispiel. Ich finde das sehr interessant und spannend!
    Der eigentliche Kern von dem hier vorgestellten Kopplungskonzept würde allerdings eher den Prozess in Deinem Kopf (mit Kopf meine ich auch Körper und vice versa) meinen: Was ein Komponist durch das Komponieren zur Expression bringt (also Muster zu Modellen entwirft) ist seine Erfahrungswelt verstanden als "Geschichte voller Kopplungen". Was ein Mensch durch Kopplungen erfahren hat (was ihn verändert hat) und was oder wen er dadurch verändert hat. Die Frage richtet sich also an die Epigenese des Menschen, als unbeständiges Wesen, der sich selbst durch sich selbst ständig verändert.
    Eine Komposition ist demnach eigentlich nichts anderes als ein Modell zu einem Zeitpunkt t von einem Menschen M im Kopplungsgeflecht X.

    Vielleicht ist das etwas sperrig gesagt: Letztlich heißt das aber, das sich die Art und Weisen des Komponierens nicht zwanghaft verändern müssen. Ein Komponist sollte erkennen, wie er sich organisiert (welche Kopplungen er hat, und nicht was er wie nutzt) und dies im Komponieren ausdrücken.

    Wie Cameron Carpenter in einem heute gesehenen Video sagte: It is just me, who does this. And I can only do, what I know (sinngemäß).

    AntwortenLöschen