Montag, 17. Dezember 2012

Wir sind Teil der Welt

Heinz von Foerster in einem Interview:
Der Haltung des unbeteiligten Beschreibers steht die Haltung des Mitfühlenden und Beteiligten gegenüber, der sich selbst als Teil der Welt begreift und von der Prämisse ausgeht: Was immer ich tue, verändert die Welt! Ich bin die Welt, und die Welt ist ich!
Das, was wir Welt nennen, ist mit einem Mal nichts Feindliches mehr, sondern erscheint als ein Organ, als ein Teil des eigenen Körpers, der sich nicht abtrennen lässt. Dass All und das Selbst fallen zusammen. Man wird verantwortlich für seine Handlungen, man kann sich nicht mehr auf die Position des passiven Registrators zurückziehen, der ein starres und vermeintlich zeitloses Dasein beschreibt. Man wird sich bewusst, dass jede Aktion - ja schon das Heben eines Armes - ein neues Universum entstehen lässt, das es so noch nie gegeben hat. Wenn man das weiß - oder vielleicht besser: wenn man das spürt und fühlt - , dann existiert keine Statik mehr, sondern alles ist in eienem fortwährenden Wandel begriffen: jede Situation ist neu, nichts ewig. Nie ist es wieder so, wie es war.

aus: Pörksen "Gewissheit der Ungewissheit - Gespräche zum Konstruktivismus" Heidelberg 2002

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Der Baum der Erkenntnis


Und hier eine weitere Literaturempfehlung: Humberto Maturana & Francisco Varela: "Der Baum der Erkenntnis"

Ein äußerst spannendes Buch über die biologischen Grundlagen des Erkennens. Wissenschaftlich anspruchsvoll geschrieben, aber wer im Biologieunterricht ein wenig aufgepaßt hat, wird viele Begriffe kennen. Das Schöne: Was im Biologieunterricht meistens ziemlich langweilig war, wird hier zum Teil über den Haufen geworfen und in einer neuen aufregenden Deutung dargestellt. Innovativ war bei Neuerscheinen (1984) der systemische Ansatz, die Ideen der Koppelung, Autopoiese und der Koevolution.

Hier eine Zusammenfassung in der deutschen Wikipedia.

Und ein paar Rezensionen und ein Artikel aus der Zeit.
Francisco J. Varela
Umberto R. Maturana

Dienstag, 4. Dezember 2012

Sendeschluss

Auf der Seite perlentaucher erschien kürzlich ein Artikel, der sich mit den Veränderungen mit denen die Medienlandschaft (der Journalismus) zu tun hat auseinandersetzt. Nun sind wir eigentlich kein Blog, der sich um Journalismus dreht. Und dennoch steckt in dem Text ein lesenswerter Kern: machthabende Eliten von Medien (bei uns: Musik) wehren sich gegen nötige Veränderungen, die in der "digitalen Ära" nötig sind. Ideen gibt es viele. Hier ein Ausschnitt, und drunter der Link. 

"Wenn aber alle Medien alles sind, wenn Schrift, Ton und Bild ineinander übergehen, wie kann es dann sein, dass ein einzelner Akteur, dessen Identität aus einem obsoleten Medienbegriff rührt, ganz allein beauftragt wird, öffentlich-rechtliche Information zu organisieren? Die Sender sind bisher weder damit aufgefallen, im Netz besonders innovativ zu agieren, noch scheinen sie dies als ihren Auftrag zu betrachten. Wahrscheinlich werden sie sogar daran gehindert, weil der Gesetzgeber selbst an künstlichen Gattungsgrenzen in der Medienlandschaft festhält. Wie die Printmedien, die sich selbst versichern, dass ihr Journalismus überlebt, beharren sowohl die Politiker als auch die öffentlich-rechtlichen Sender  auf dem alten Sender-Empfänger-, Volksbeglücker- und Torwächter-Modell, das sie in einer viel agileren, unübsersichtlicheren, aber auch weitaus autonomeren Öffentlichkeit schon jetzt in den Bedeutungsverlust führt.

Die Frage ist also, wie sich die Idee eines  öffentlich-rechtlichen Journalismus im Zeitalter der Digitalisierung neu formulieren lässt."

aus: Sendeschluss.

hier mein Kommentar dazu:


"großartiger Artikel!
Als Anthropologe, der sich mit Medien/Medialität/Information/Infogenese beschäftigt suche ich schon lange nach deutlichen Aufrufen, die alte Plastiken wie "Sender-Empfänger" oder "Medien=Zeitung und Fernsehen" als überholt deklarieren.
Gerade Journalisten, die sich gerne als Medienmacher bezeichnen, beweisen gegenwärtig, dass sie von ihrer Funktion und ihrer Materie keine Kompetenz haben. Sie setzen sich mit der "digitalen Ära" (natürlich nur ein schwammiger Begriff) nicht auseinander, sondern votieren dagegen. Resultate sind die Pseudo-Sakralisierung der Zeitung und des Buches, eine geschürte Aversion gegen das WEB, die Aufrechterhaltung von überholten linearen Prozessen und Strukturen, die mit der Informationsgenese inkohärent sind.
Wir wissen heute aus der Neurowissenschaft, dass es bspw. keinen biologischen Mechanismus im menschlichen Körper/Gehirn gibt, der Information vermittelt, sondern nur einen, der Information (was auch immer das ist) erzeugt.
Wenn wir als Menschen Informationen nur erzeugen können, müssen wir von sämtlichen Forderungen "des guten Journalismus", der "echten Medienarbeit", der "Meinungsbildungsfabrik Medien" und der Idee der "Medien als vierte Staatsmacht" Abschied nehmen.
Sofern Journalisten ihre Funktion nicht reflektieren, und damit den Kollaps ihres Systems herbeiführen, ist das etwa so traurig und bedauernswert wie der Bauer, der versucht im Winter auf dem Feld Tomaten zu pflanzen.
Es ist schlichtweg unzeitgemäß, oder um es noch deutlicher zu formulieren: es hat seine künstliche geschaffene Basis schon längst verloren und sicht zurzeit dem Ende entgegen."

Der infogene Mensch

Manfred Faßler: Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink Verlag, München 2008.





Informationen zum Buch

»Der infogene Mensch« beschreibt die Entstehung, die Geschichte und die Gegenwart der informationellen Intelligenz des Homo sapiens sapiens. Digitale Medien erscheinen heute als eine weitere Varietät menschlicher Verständigung und Selbstorganisation. Die Suche nach einer Entwicklungstheorie des Abstrakten (N. Elias) hat begonnen. In diesem Zusammenhang verändert sich die Gesprächslage über »Information« grundlegend.

Die Selbstbeschreibungen der Computersciences reichen nicht mehr aus. In Physik, Biologie, Neurophysiologie, Zellforschung, Kommunikationstheorie, radikal konstruktivistischer Anthropologie, in Forschungen zu Medienevolution und Soziologie hat Information längst die Trivialität der ›Nachricht‹ verloren.

Dieser Band plädiert dafür, Informations-Modelle in Naturwissenschaften, in Technik- und Kulturwissenschaften zusammenzuführen, um sich auf die Suche nach Mustern menschlicher Selbstorganisation zu begeben.