Samstag, 30. November 2013

Bernard Herrmann: the great expressionist from Hollywood

Just something to enjoy and to remind you of a great composer of film scores. But also to show you how articulated film music can be.











There is much more to discover from Herrmann! Unfortunately I couldn't find any working Links for the Torn Curtain (1966).

Bernard Herrmann in the english wikipedia
Bernard Herrmann in der deutschen Wikipedia


Donnerstag, 21. November 2013

Skizze einer nonlinearen Ästhetik (Kunstphilosophie & -theorie) Teil 3

Teleologien, wie sie seit Kant in philosophischen, naturwissenschaftlichen und künstlerischen Diskursen immer wieder auftauchen, sind unsinnig: Was schert sich die Welt, ob wir denken, dass wir die Krone der "Schöpfung" oder eben der Evolution wären? Dies sind menschliche (anthropozentrische) Denkmuster, die auf völlig ziellose und ungerichtete Prozesse angewendet werden. Gleichzeitig kann aber gesagt werden, alles menschliche Tun zielt auf den Menschen zurück, das ist was Mensch-Sein ausmacht, das ist ein un-dialektischer(!) Humanismus. Also Kunst ist immer von Menschen für Menschen gemacht, alles andere ist keine Kunst, soviel zum Post-Humanismus.

Alle Kunst kann nur in diesem Universum stattfinden, was heißen soll: Kunst kann keine Naturgesetze brechen! Das spannende ist nun, wie Energie-, Stoff- und Informationsströme verlaufen und zusammenwirken, um etwas, dass man Kunst nennen kann, entstehen zu lassen. Und wenn wir nun hier begreifen, dass weder Energie, noch Materie oder Information verschwinden oder aus dem Nichts entstehen kann, lässt sich nachvollziehen, dass Kunst nicht das schaffen von etwas  Neuem ist oder sein kann, sondern die Kunst ist es Unterschiede zu machen und Unter- und Entscheidungen zu treffen.

Spannend bleibt auch die Frage nach dem Zweck der Kunst. Unter naturalistischem Blickwinkel bleibt bis jetzt ungeklärt, wie und wofür Kunst entstanden ist. Welche biologischen, evolutionären, anthropologischen oder soziologischen Attraktoren gibt es hierfür? Angesichts der vielen Spezies auf diesem Planeten, die ohne Kunst oder etwas ähnlichem auskommen, scheint die Wahrscheinlichkeit dafür doch recht gering zu sein. Und dennoch empfinden wir Kunst als etwas Essentielles, Wesentliches, ohne das wir uns selbst als weniger menschlich sehen würden, hätten wir keine (könnten aber dennoch diesen Vergleich anstellen). Somit zeigt sich auch hier wieder das spezifische der Kunst, eben eine komplexe Tätigkeit des Menschen zu sein.

Der Mensch sammelt, spielt, entdeckt, erfindet, formt, markiert, entwickelt, denkt, ordnet, etc. - Gesellschaften, Klassen, Eliten und Institutionen kanalisieren diese Tätigkeiten in (funktionelle) Kunst (Tradierung, (Re)-Präsentation, Bildung, Disziplinierung, Hierarchisierung, Gruppenzugehörigkeit, Archivierung etc.). Ist Kunst ohne diese möglich? Lässt Kunst sich von diesen trennen?

Und hier geht es zu den anderen Teilen der Skizze:
Teil 1
Teil 2

Dienstag, 19. November 2013

Zwei Zitate aus Manfred Faßlers 'Kampf der Habitate'

Menschliche Lebensweisen verändern sich ständig. Neu ist das nicht. 
Ein kollaterales und darin koevolutionäres Verständnis von komplexen Zuständen ist nicht verbreitet ... 

Kommentare zum Post: Über den Begriff "neu"

Hier nun die komplette Diskussion, die auf Facebook über den Artikel geführt wurde,  für alle ohne Facebookkonto verfügbar. An den einzelnen Beiträgen wurde nichts geändert, außer dass die Namen der Beitragenden fett hervorgehoben wurden. Eine englische Zusammenfassung des Artikels findet sich hier abstract.

Johannes Kreidler Schade dass man im Blog nicht einfach so kommentieren kann, dann mach ich's hier:
Spannende Frage, danke für den interessanten Text. Der Aspekt des subjektiven Glaubens in Ermangelung von empirischen Beweisen erscheint mir plausibel.

Über „Fortschritt“ gibt es aber doch einen gewissen demokratischen Konsens, zB was Medizin oder Menschenrechte betrifft, oder umgekehrt gesagt: Es lässt sich kaum leugnen, dass es auf Erden erhebliche Mißstände gibt, insofern gibt es auch eine Idee von einer besseren Welt, ergo von einem möglichen Fortschritt. Und in der Kunst könnte man ja vielleicht mal Motivationspsychologie heranziehen – warum schafft da ein Künstler etwas? er will ja wahrscheinlich nicht nur etwas schaffen, was es schon gibt, also er glaubt an den Wert der Neuheit, die sein Opus – hoffentlich – hat. Das resoniert dann mehr oder weniger mit der Rezeption.
(Letztlich hat man sich ja schon darauf geeinigt, dass bspw. die Zwölftontechnik eine Innovation in der Musik war.)

Matthias Kaul ein guter Beitrag zu dem was ich die " Neufalle " nenne, Neuheit als quasi Selbstzweck ist doch ein blödes Kriterium .....aber Johannes, jetzt nicht "Fortschritt" mit "neu" verwechseln...

Stefan Lischewski Nun ist doch auch 'Fortschritt' ein konstruiertes Konzept, dass sich im besten Falle als irgendwie demokratischer Konsens (wie Johannes schrieb) definieren lässt. Und genau dieser Konsens, wenn es denn eine solcher ist, kann sich ändern und dann einen anderen Rahmen zur Definition was 'Fortschritt' ist auswählen, gleichfalls kann ein erweiterter Informationszugriff hier zu einem anderen Konsens führen etc. will sagen, was der eine als Fortschritt einschätzt, sieht der andere als Rückschritt, wieder ein anderer sieht nur eine neutrale Verschiebung.

Johannes Kreidler @matthias: ich würde tatsächlich behaupten, dass neuheit (in der kunst) eine art selbstzweck hat: nämlich das wahrnehmen+denken erweitern, das würde ich in dem fall für grundsätzlich positiv halten.

Stefan Lischewski Gleichzeitig möchte ich in diesem Zusammenhang darauf verweisen, nicht jeder empfand die Zwölftontechnik als Fortschritt und sah hier eher ein regressives Regulativ im Vergleich zu der von Adorno so viel höher geschätzten Freien Atonalität.

Matthias Kaul @ Johannes,sehe ich auch so, und natürlich positiv, ich ahne so langsam was mich störte, nämlich wenn der Motor des eigenen Tuns wäre, etwas Neues zu machen, empfände ich das als Blöde , aber natürlich ist man verwickelt in die Dinge die man tut, weil man neugierig ist, eine für sich neue Perspektive entdeckt,usw. und dann geht es um die Sache und nicht das Etikett " neu"... könnte auch was Neues bei rauskommen als " Abfallprodukt" ......

Dennis Eckhardt Danke erst mal für die Kommentare!! Freue mich, wenn es zu einer Diskussion kommt. 
Johannes Kreidler Der angesprochene Konsens zu Medizin und Menschenrechte steht schon seit langer Zeit auf der Kippe. In der Politik kommt das leider oft nicht vor. So wird aber schon seit längerer Zeit in der Anthropologie, welche neben der Soziologie dafür mitverantwortlich ist, dass es eine Beschreibung von Missständen in anderen Ländern gibt, darüber diskutiert, dass Missstand nicht gleich Missstand ist. Die mitteleuropäische Brille hilft zwar dabei, die eigene Gegenwart zu verstehen, nicht aber andere. Bsp.: Wir sagen, Arbeiten in einer mittelafrikanischen Mine ist schlecht, weil das Ausbeutung und harte Arbeit ist. Anthropologische Forschungen haben allerdings ergeben: Die Menschen vor Ort möchten nicht, dass die Mine geschlossen wird, da dies ihre einzige Einnahmequelle ist. Klar schwingt dabei mit, dass die Mine nicht die beste Lösung ist - allerdings eine Lösung innerhalb einer bestimmte Logik (leider hier Kapitalismus). 
Will sagen: So einfach verhält es sich also mit dem demokratischen Konsens nicht. Auch dieser ist (das ist auch in der Wissenschaftstheorie nachzulesen) geformt, und verschuldet sich einem dialektischen Verständnis. Der "mögliche Fortschritt" kann also entlarvt werden als Optimierung innerhalb einer Logik, und nicht als Optimierung der verwendeten Logik.
So oder so, wir können feststellen, dass Fortschritt (egal ob in Medizin oder Menschenrechte) in seiner Programmatik überführt werden kann (in seiner Konstruiertheit). Wie Manfred Faßler immer sagt: Kein Dialektiker der Welt konnte jemals erklären, wieso seine dialektische Sicht die "bessere" sei. 
Zum Thema der Neuheit und Rezeption: Veröffentliche deine Werke doch mal in Papua-Neuguinea. Möglicherweise wird es als "neu" erkannt, möglicherweise aber nicht als Fortschritt - weil es dort vor Ort andere Diskussionen um "neue Musik" gibt. Die Rezeption ist demnach genauso konstruiert wie die Neuheit des eigenen Werkes. Man kann sich nun damit zufriedengeben, dass die Neuheit des eigenen Werkes durch einen Diskurs hergestellt wird - dann kann dessen Konstruiertheit aber genauso offenbart werden. 
Wieso ein Künstler etwas kreiert und schöpft bleibt wohl eine Frage, die nicht beantwortbar ist. Warum man selbst etwas schöpft kann so oft so banal sein: Weil es mir heute morgen beim Kaffee eingefallen ist, weil ich guten Sex hatte, weil ich Streit hatte, weil ich einen Todesfall erlebt habe, weil ich in Berlin wohne und nicht in Pupsheuerrauxel, weil es jemand von mir verlangt. Und dabei - und das habe ich versucht zu zeigen - sind diese Gründe nicht minderwertig zu einem "Neuheits- und/oder Fortschrittsglauben". Es sind meines Erachtens nach sogar die einzig legitimen Gründe, da ein Mensch hierüber Auskunft geben kann. Es müsste nur ein anderer Gestus entworfen werden, mit dem solches "auf Erfahrung basierendes Komponieren" nicht normativ abgeschüttelt wird. 
Ein letzter Punkt: Aus der Neurologie und Neurophysiologie wissen wir heute, dass unser Gehirn nichts "neu" machen kann. Nichts ex nihil entwerfen kann. Dies geschieht immer nur auf Basis von Erfahrungen und deren Variationen. Grundlegend neu kann es wohl niemals sein.

Zu Martin Schüttler: Die Idee, dass es eine Vergleichsgrundlage gibt, ist aber ebenfalls eine gemachte Idee. Ich stimmte zu, wenn Du sagst, dass es kein "allgemein gültiges Musiksystem" mehr gibt. Dann kann es doch aber sein, dass es auch keine Vergleichsgrundlage mehr gibt. Es soll Menschen geben, die gerne "neue und ihnen fremde" Dingen erfahren, ohne, dass sie dies dogmatisch bewerten, sondern konstruktivistisch-persönlich: "War mir neu und ungewohnt." Wir müssen gar nicht ein Szenario eröffnen, indem es um den Hardcore-fan geht. Viel banaler: Menschen des alltäglichen Lebens, die im Radio Pop hören, bei der Oma Schlager, und zu Weihnachten das WO von Bach. Und eigentlich wird es jetzt viel komplizierter: Was sollte für diesen Menschen neu sein?!

Johannes Kreidler dennis, dass das menschengemachte konstrukte sind, "fortschritt", "neuheit", ist klar, das finde ich übertrieben, 2013 da noch von "entlarvung" oder "überführung" zu sprechen. und niemand behauptet, demokratie sei eine einfache sache, aber sie ist allgemein gesprochen eine angelegenheit, bei der mehrheitskonsens immer wieder gebildet wird, der bestenfalls dann auch einen praktischen effekt hat, sprich: dinge verbessert werden, die die masse als verbesserungsbedürftig erachtet. darum machen politiker wahlversprechen, werden dann gewählt und setzen ihre versprechen (haha) um.
was die arbeit des künstlers betrachtet, würde ich das schon im verhältnis zum bereits bestehenden versuchen zu sehen - also aus den gründen, die du genannt hast, könnte er ja sonst auch ein loch ausheben und dann wieder zubuddeln und wieder ausheben usw.
interessant wäre da auch die perspektive des festivalmachers: der hat einen batzen geld von der öffentlichen hand, der ist ihr also qualität schuldig, der muss doch ein bisschen mehr aufbringen als nur ein völlig subjektives das-gefällt-mir/das-halte-ich-für-neu. sonst könnte ja im neue-musik-festival glatt das WO laufen, und der macher verweist auf den konstruktivismus...

Dennis Eckhardt @ Martin: Danke für den Hinweis zu Groys! Natürlich tun sich da immer mehr Diskussionen auf, wie die um Archive, Filter, Sammlungen. Ich denke dabei spielt auch Kontingenz eine wesentliche Rolle: Sicherlich sind (ehemals) viele Dinge archiviert und als wertvoll erachtet worden, da es die sozio-ökonomischen Zustände erlaubten, und nicht (nur) weil diese "Dinge" per se "gut" waren. Ich gebe dir vollkommen recht, dass wir es heute mit anderen Deutungshoheitskämpfen zu tun haben, als früher, und ich denke wiederrum nicht, dass sich diese Kämpfe zwischen popularen und elitären Schichten/Ansichten austragen werden (Wahrscheinlich auch). 
Die totale Sammlung von alles und jedem (NSA) benötigt tatsächlich noch Filter, da irgendjemand irgendetwas auf Basis von irgendwas irgendwie nutzen muss. Filter sind nötig - nur je nachdem wer etwas gefiltert haben möchte und wozu (Frage nach Steuerung). Natürlich fehlen dazu die Deutungshegemonien des 19Jhds. (und davor), und daher stellt sich die Frage: Wonach filtern wir heute?! Archive und Sammlungen sind ohne eine filternde Nutzung absurd (auch wenn es das gibt-Problem).
@ Johannes: Danke für das Kommentar! Ich denke nicht, dass es übertrieben ist. Seitens der Wissenschaften wird heute sehr wenig daran getan Programmatiken offenzulegen, und neue Systeme/Ansichten mit einer höheren Tauglichkeit zu entwerfen. Das wird doch gerade dann klar, wenn Du selbst hinter das demokratische Ideal, dass Du ausformulierst, ein "haha" setzt. Wenn die Sache als untauglich erwiesen werden kann - worin besteht dann das Problem etwas anderes zu machen!?
Worin ein alternativer Gestus bestehen könnte zu entscheiden was "neue Kunst" ist und was nicht, kann ich nicht sagen: Ich habe lediglich eine Grundlage gegeben, wovon Überlegungen dergestalt m.E. ausgehen sollten: vom legitimierten Selbst. Wenn aber tatsächlich eine Gruppe von Menschen das Ausheben und Zubuddeln von einem Loch als "künstlerisch Innovativ" betrachtet - wer sollte darüber Richten? Es ist also eine Frage nach Kriterien und Kategorien, oder wie oben angedeutet, Ordnungsschemata. Es bleibt also die Frage: Wonach entscheiden wir, dass die Werke von XY neu und gut sind, und die Werke von AB nicht - und dabei müssen beide Menschen nicht einmal in anderen Ländern leben, sondern einfach nur in anderen Kontexten. Da kann der Nachbar bereits weit entfernt sein. Wenn ich bspw. einem Freund meine Musik vorspiele, die ich mache, halte ich sie für neu, und der Freund für Unsinn. Da können wir uns nicht in eine alte Diskussion um populare Kulturen und elitäres (besseres) Wissen begeben. (Als Anthropologe, aber auch als Musiker) muss man diese verschiedenen Rezeptionen ernst nehmen. 
Ganz so einfach wäre es mit dem Festivalmacher nicht. Ich habe ja erwähnt, dass meine Überlegungen nur die Grundlage für ein weiteres Ausformulieren sein können. Natürlich kann der Festivalmacher einfach das WO spielen - die Frage nach dem Konstruktivismus stellt sich dann an jeden Zuhörer selbst. Ob er das WO spielt hängt davon ab, ob er vermutet, dass am Spielort noch niemand das WO gehört hat. Ich könnte mir vorstellen in einigen sog. Dritten-Welt-Ländern kann genau das der Fall sein. Wieso sollte man dann dies be-/verurteilen? Bzw. Wonach?
Ich hoffe der Kernpunkt wird deutlich: Ich sage nicht, dass die Frage nach sich selbst DAS Entscheidungskriterium für Musik sein sollte, sondern nur die Grundlage für die Entwicklung neuer Ordnungsschemata - die neben diesem Diskurs bereits tagtäglich von Menschen entwickelt werden. Es ist also die Frage, ob sich Institutionen usw. daran beteiligen mögen. Und wie!

Malte Giesen Ein guter Anstoß ist der Artikel sicher. Nur beim möglichen Lösungsansatz sehe ich das Problem, die Neuheit allein in den persönlichen Erfahrungsbereich zu legen. Natürlich unterscheidet sich jede Aufführung des WO akustisch und ist in jedem Fall als physikalisches Ereignis betrachtet ein Unikat. Allerdings bricht die Wahrnehmung ja das ganze auf abstrakte Strukturen herunter, auf Symbole, Transformationen in andere Sinnesbereiche (visueller Aspekt), etc. Ich denke schon, dass die Abstrahierung akustischer Signale in Musik (oder das, was wir darunter verstehen) sich schon auf bestimmte gemeinsame Nenner bringen lassen, innerhalb derer ein Neuheitsgrad (gut, nicht in Zahlen messbar) im Konsens feststellbar ist. Wenn dann ein akustisches Ereignis im soziokulturellen Kontext stattfindet, dessen Erzeugung zum Ziel hat, ebendiese kategorische Einordnung in ästhetische Konzepte zu unterlaufen und zu hinterfragen, dann finde ich auch, wie Johannes, das "Neue als Selbstzweck" eine absolut positive und estrebenswerte Eigenschaft. Der Übergang von einer ganz basalen sinnlichen Ansprache über einen erfahrungsbasierten Zugriff bis hin zur akademisch/intellektuellen Konsensmeinungsbildung ist fließend, das heißt aber nicht, dass es keinen Sinn macht, Unterteilungen vorzunehmen.

Stefan Lischewski Schlingensief ist auch mit dem Ring in Afrika auf Tournee gegangen und das war dann als Ganzes aus dem eurozentrischen Blickwinkel schon ein neues Kunstwerk, aber es war bestimmt auch neu für die Leute in Afrika. Ich glaube nicht das Neuheit als Selbstzweck der Kunst ein ausreichendes Kriterium ist, dazu ist diese Begrifflichkeit viel zu grob um zu beschreiben, was wirklich das Kunstwerk zusammensetzt. Vielleicht als emergente Eigenschaft ist das Neue denkbar, aber auch dann ist das für mich eine verkürzte Auffassung von Kunst.

Johannes Kreidler hmpf, ich sehe hier immer wieder in den antworten falsche wiedergaben von aussagen von mir, ich habe nicht gesagt, dass neuheit der einzige aspekt von kunst ist, und mit dem festivalkurator meinte ich freilich den in mitteleuropa und nicht in afrika (und der in mitteleuropa setzt nun mal nicht das weihnachtsoratorium aufs neue-musik-programm). mit dem lochbuddeln meinte ich einfach eine sinnlose, unproduktive,in keinster weise qualitativ neuwertige und ohne jede kunstintention vollzogene tätigkeit.

Dennis Eckhardt Danke für die vielen Kommentare!
Beim zweiten Durchlesen ist mir ebenfalls aufgefallen, dass einige Argumente von euch von mir nicht adäquat aufgegriffen wurden (dieses FB eignet sich eben nur bedingt zur Diskussion). Ich möchte die vielen Anregungen nutzen, und nochmal in einem "neuen" Artikel zusammenfassen und darlegen. Ich wollte auch gar nicht eine reine Contra-Position einnehmen - gerade bei der Idee "Neues als Selbstzweck" scheint mir noch einiges an theoretischem Potential. 
Natürlich muss hier auch immer mitgelesen werden: Ich bin ein Anthropologe, der Musik macht - das ergibt meist eine andere Perspektive. Vielleicht komme ich dann auch auf eine Idee, was andere Ordnungsschemata sein könnten.
Die Diskussion ist hiermit auf keinenfall beendet!  
@ Johannes: Ich denke ich ahne vorauf du hinaus möchtest (es dauert eben doch länger, bis man die Gedankengänge anderer erkennend versteht) und möchte dennoch darauf hinweisen, dass mit der Idee "Neues als Selbstzweck" die Frage nach den Ordnungsschemata womöglich nicht gelöst ist. Mir scheint als gäbe es hier eine Verbindung von Zirkulationstheorie (Selbstzweck) und Dialektik (Normative Einordnung). So würde ich zumindest jetzt die Kommentare zu "demokratischen Konsens", "Loch Buddeln" und "Festivalmacher" sehen. Wenn dem so ist, werde ich darauf nochmal ausführlich eingehen!

Johannes Kreidler @ Dennis, ich sag noch bissel was in meinen Worten, liegt ja auch an mir, dass ich mich nicht verständlich ausdrücke oder es selber noch nicht ausreichend verstanden habe (die diskussion ist dafür jedenfalls sehr hilfreich!) oder die anderen nicht verstanden habe-
Fortschritt ist eine Sache des Glaubens, da bin ich ganz einverstanden, den er bezieht sich auf die Zukunft, und wie die dann tatsächlich sein wird, das wird sich ja erst noch erweisen. Ich wähle Dieundide Partei, weil ich glaube, dass sie bessere Politik als eine andere macht. Man kann sagen, jeder, der zur Wahl geht, ist ein Fortschrittsoptimist, sonst würde er seinen A**** doch nicht zum Wahllokal bewegen.
Die Perspektive der Arbeitsmoral und des Festivalmachers finde ich im Bezug zum Neuen deshalb die Knackpunkte, weil Komponieren, das werden mir denke ich alle Kollegen bestätigen, beileibe nicht nur eine lustige Tätigkeit ist, sondern mitunter ein Knochenjob. Insofern muss sich das ja irgendwie lohnen, und ein wesentlicher (aber nicht einziger..) Punkt erscheint mir da, dass man qualitativ etwas Neues damit in die Welt setzt. Und der Festivalmacher hat die Verantwortung der öffentlichen Gelder ist ebenso gezwungen, damit etwas angemessenes zu realisieren, also eine Bereicherung für die Welt zu schaffen, und das ist bei Uraufführungen, dass die *Ur*aufführungen sind und nicht die Wiederholung von etwas schon Bekanntem. Meinst du das mir Ordnungsschema / normative Einordnung?

english abstract: about the term "new"

In a dialectical tradition the term new describes a creation out of nothing: Something that the world has not seen/heard before. In that way, the term new consists of a concept of 2 grades: In the second grade new means progress; in the first grade new means the dialectical antithesis to old, habitually, repeated, etc. But we cannot empirical see, what is not new, and in which context we need something new or not - whatever "the new thing" could be and what is the proof for that need. That is why I found the concept of "the believe in a lack of something new" - which describes the non-provable statement, that something new is needed. And because we cannot say what is the need of something new, and new is only a type of progress (both understood in a dialectical way), it is possible, that "the new thing" could be "the wrong new thing". That kind of dilemma is a typical product of a dialectical understatement of the world. The consequence is a not ending loop of creating something new, say that it is old, and create something new again etc. But there are different ways we could handle something new: for example by a constructive understatement, when every musical experience is in fact something new for that person. In context of new compositions that means, that everything what a composer might think of is new, is probably only new for him. Which is not a false analysis, but an other way of handling new compositions, and new music in general.


and here is the original text:

Montag, 18. November 2013

Über den Begriff "neu"

Gerade in der Musik begegnet einem sehr häufig das Wort neu. Sei es bei neuer Musik, oder Neuer Musik, oder einfach bei neuerer Musik. Die beiden ersten Begriffe meinen sogar ganze Konzepte und Prinzipien (nicht zu vergessen um die harten Distinktionsdebatten was neue und was Neue Musik sei und was nicht), und können deswegen gar nicht leichtfertig in einer Debatte welche Musik denn nun neuer sei verwendet werden. Letztere neuere Musik würde bedeuten, dass sie wohl einfach vorläuferlos sei. Schwierig, schwierig diese Kiste der Innovationen. Hier ein medial-anthropologischer Blick (der deswegen nicht per se musikwissenschaftlich sein muss).

In der Tradition der Dialektik bezeichnet das Wort neu einen vorläuferlosen Schöpfungsakt oder eine vorläuferlose Schöpfung: Dinge, die die Welt zuvor noch nicht gesehen oder gehört hat. Dahinter verbergen sich zwei Begriffe zweier Grade: 2.Grades meint neu immer Fortschritt; 1.Grades meint neu die dialektische Antithese zu alt, veraltet, ständig, stetig, wieder- und überholt. Etwas das als neu in dieser Perspektive bezeichnet wird, ist also 1.Grades neu zu etwas obsolet, und 2.Grades neu, da es ein Fortkommen darstellt.

Dabei ergeben sich allerdings wesentliche Dilemmata: Zur Perspektive der 1.Grades des Neuen bleibt die Frage offen ob obsolet Gewordenes erst durch die Schöpfung des Neuen obsolet wird, oder bereits vorher ein Mangel an Neuem vorhanden war, dessen Genese allerdings meist unergründlich bleibt: ex nihil. Viele Forderungen nach Neuem sind meist mit einem intrinsischen Glauben verbunden, dass eben ein Mangel an Neuem bestehe, der aufgefüllt werden müsse. Dieser Glaube stützt sich also meist auf Argumente des Zeitgeists, der Ästhetik, des Nutzens, oder des Funktionierens. Es ist ein Glaube an den Mangel, da es rein logisch nicht möglich ist daraus eine Wissenschaft zu machen: Empirisches Material zu einem Mangel des Neuen lässt sich nicht finden, sofern nicht Zielformen der Methode erstellt werden, welche nicht erstellt werden können, da ein Mangel an Neuem bedeutet, dass etwas noch nicht vorhanden ist. Eine empirische Untersuchung zu etwas, dass noch nicht vorhanden ist mündet in einem Futurismus, der alles ist, aber nicht empirisch oder wissenschaftlich. Daher verwende ich hier die Bezeichnung Glaube an den Mangel von Neuem.
Die Argumente dieses Glaubens und seiner Rechtfertigung (Zeitgeist, Ästhetik, Nutzen und Funktion) beruhen in einer medial-anthropologischen Perspektive allerdings auf einer bestimmten zeitlichen Sequenz. Deutlicher formuliert: Auf Grundlage des Arguments des Zeitgeists den Glauben am Mangel des Neuen zu rechtfertigen, bedeutet ebenfalls die eigene mögliche Untauglichkeit dieses Glaubens einzugestehen. In diesem Rahmen ist davon auszugehen, dass der „eigentliche optimale Zeitgeist“ der Gegenwart noch nicht gefunden sein könnte, und daher der Glaube an den Mangel nicht gerechtfertig sein dürfte. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Argumenten: Ästhetik, Nutzen und Funktion sind Medialitäten einer bestimmten zeitlichen Sequenz, die in ihrer eigenen Logik nicht absolut sind und daher ihrer Untauglichkeit überführt werden können.

Das erste Dilemma des dialektisch Neuen liest sich also wie folgt: Neues 1.Grades könnte gar nicht neu sein, da die argumentative Basis des Glaubens an den Mangel des Neuen möglicherweise untauglich ist. Dialektisch formuliert hieße das: Das optimale antithetische Äquivalent zur Gegenwart könnte auch ein anderes sein. Die Synthese zum Neuen könnte eine falsche sein.

Genau das finden wir in der Musikgeschichte zuhauf wieder, wenn Komponisten Neuigkeiten schöpfen und gleichfalls behaupten, ihre Vorgänger hätten es falsch gemacht.

Das nächste Problem ergibt sich am Begriff 2.Grades: In der dialektischen Auffassung von Wahrheit, Realität und Wissen ergibt sich die notwendige Schlussfolgerung, dass es ein Ziel gibt, das es durch ständige Synthese zu erreichen gilt. So spricht man bspw. vom kumulierten Wissen und der Idee, dass sich Wissen anhäufe, bis man wisse „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Hieran ist die Idee des Fortschritts angelegt: Durch ständige Innovationen bewegen wir uns in einer Fortbewegung, die eine Zielrichtung beinhaltet. „Fortschritt zum Wohle von …“ oder „Ich komme mit dem Fortschritt nicht mit“ sind deren Auswüchse. Abgesehen davon, dass der Konstruktivismus einen Ausweg dieses Problems bieten würde, soll aber hier das eigentliche Dilemma der Sache ausformuliert werden (das könnte etwas komplexer werden):
Auf Grundlage eines Glaubens an einen Mangel von Neuem wird die Forderung nun nach neuen Formen (oder was auch immer) laut und wiederholt. Sobald irgendein Neues geschöpft wurde (wobei unklar bleibt, ob dieses geschöpfte Neue dasselbe ist, wie das Mangelempfundene Neue) muss nach einer gewissen zeitlichen Sequenz wiederum der Prozess wiederholt werden. In der Logik der Dialektik schwingt neben der Idee der absoluten Lösung auch immer das Wissen um das dialektische Ziel mit. Mir persönlich ist kein einziges dialektisches Zieldilemma bekannt das gelöst werden konnte (sei es die angebliche Loslösung des Menschen von Zeit und Raum (Gumprecht), von Physis (Arendt) oder Wirklichkeit (Miller)).
Deutlicher formuliert heißt das: Das geschöpfte Neue kann möglicherweise das Falsche sein, oder nur ein weiterer Schritt in der Leiter des Fortschritts. Fortschritt ist nun auch nichts, was empirisch irgendwie gefasst werden könnte, daher ist auch dies ein Glaube an den Fortschritt. An diesem Punkt angelangt muss ich zugeben: Beweise können nicht den gesamten Fortschrittsglauben widerlegen. Meines Erachtens ist das aber auch nicht nötig – die Entlarvung des Glaubens macht die Idee des Fortschritts untauglich. Nach wir vor zählt was Faktizität schafft, die auch empirisch messbar ist (an dieser Stelle sollte man bedenken, dass es um einen wissenschaftlichen Umgang mit neu geht).

Diese Dilemmata sind nicht lösbar – zumindest nicht in der Logik der Dialektik. Als eingefleischter Dialektiker bleibt einem eigentlich nur eines übrig: Schöpfen – älter werden – die Jüngeren kritisieren – erklären wie man angeblich schöpfe – verbittern. Dies wäre meine Diagnose und Erfahrung (etwas polemisch).

Es bleiben aber Auswege, will sagen: Alternativen. Der Konstruktivismus würde neu sicherlich anders definieren. Ich gebe ein Beispiel:
„Im Jahre 2013 habe ich noch nie das Weihnachtsoratorium von Bach gehört. Ich gehe in ein  Konzert und erfahre dabei etwas Neues.“ Zunächst einmal bezieht sich neu hier nicht auf die eigentliche (kompositorische) Schöpfung, sondern auf die Ausführung der Schöpfung und quasi deren Prozessierung. Diese kann vereinfacht gesagt als Erfahrung des Menschen betrachtet werden. Eine Erfahrung, die vorläuferlos ist, ist neu. Das bedeutet medial-anthropologisch: Eine Erfahrung - das ist: ein (irreduzibles) Kopplungsereignis mit einer Umwelt -  ist dann neu, wenn sie Differenzen in der bekannte Umwelt erkennen lässt. Zu dieser Umwelt gehören: Struktur, Energetik, Information. Das heißt ein gehörtes Stück kann dann als neu empfunden werden, wenn entweder der Ort, Raum und die Zeit eine andere sind, es andere Musiker ausführen, oder der Erfahrene in einem anderen infogenetischen Zustand ist: Viel Kaffe, wenig Schlaf lässt ein Stück anders auffassen als voll gefressen nach einer Liebesnacht.
Was ich hiermit sagen möchte: Was neu ist, liegt an den Erfahrungen und den möglichen Erfahrungen eines (in diesem Falle) Zuhörers (oder wer oder was auch immer).

Welche Dimensionen hat dies für das kompositorisch Neue? Dinge, die zeitlich aktuell geschöpft wurden können dennoch als veraltet erfahren werden, und dabei ist der Grund dafür nicht einmal leicht zu finden. In einem Fachdiskurs zu „was denn nun neu sei“ kann dies natürlich ganz anders diskutiert und auch gesehen werden. Sofern es nicht am dialektisch Neuen bewertet wird, stünde die Idee im Raum, Dinge ihrer Neuwertigkeit anhand der eigenen Erfahrungen zu bewerten. Ich sehe kein Problem darin offen zu bekunden, dass mir etwas neu sei, oder etwas vermeintlich Neues veraltet erscheint. Letztlich haben wir gar keine andere Wahl: Auch der Dialektiker kann nur nach dem bewerten, was er weiß. Man stelle sich einen eingefleischten Dialektiker vor, der nicht um „das aktuelle Ziel des Mangels an Neuem“ wisse und daher komplett andere Forderungen in den Raum stelle als seine Kollegen. Das kann entweder zu Gelächter oder Ausschluss führen.


Damit nähern wir uns allerdings einer Diskussion, die gerade in musikalischen Bereichen alles andere als unstrittig ist. Denn was ich oben geschrieben habe, würde bedeuten, dass bspw. jemand, der noch nie Musik aus der Zeit nach 1980 gehört hat, dennoch darauf beharren könnte Musik aus der Zeit vor 1980 zu machen/hören, oder seine Vorstellung von Musik nach 1980 zur ernsthaften Diskussion zu stellen. Damit ergeben sich noch viele andere Probleme, wie das der Archivierung und Historisierung (Foucault). Vielleicht reicht dies aber auch als erster Anreiz zur Diskussion.n

english abstract
Kommentare

Samstag, 16. November 2013

Apposition: Skizze einer nonlinearen Ästhetik

Emergenz / Koevolution / Komplexität / Kopplung / Kooperation / Kybernetik

Zusammenführung

Mit dem Begriff der Emergenz kann der Akt der Musikschöpfung beschrieben werden. Mensch, Technik, Notationssymbolik, Hör- und Konstruktionserfahrung, etc. bilden eine Organisation, die es ermöglicht menschliche Komplexität zu kreeiren. Damit ist gemeint: Musik als komplexes künstliches System, in dem Denken, Erfahren und Handeln möglich wird. 
Das emergente Moment wird vor allem in der Funktion der Irreduzibilität deutlich: Die Summe ist mehr als seine Teile, und kann nicht auf die Teile (zurück) reduziert werden. Komplexität ist nunmal komplex und kann gar nicht reduziert werden. Musik kann daher auch nicht schwer oder leicht sein. Das hängt allein von der Erfahrung ab (wie ein Kuchenteig nicht auf Mehl reduziert werden kann).
Die Organisation, die zu einem emergenten Prozess führen kann, wird durch Kopplungen ermöglicht. Dies können strukturelle, energetische (Maturana/Varela) oder auch infogenetische (Faßler) Kopplungen sein. Kopplung ist ein Sammelbegriff, der mit Inhalt frei gefüllt werden kann: Kommunikation, Sprechen, Schreiben, Interaktion, Immersion, etc. Es gibt also verschiedene und vielzahlige Möglichkeiten Kopplungen und dadurch eine Organisation aufzubauen. 
Wenn nun solche Organisationen eine Rückwirkung auf den Organisator oder auf andere Systeme erbringen, kann von Koevolution gesprochen werden. Auch hier wieder: Das Ko von Koevolution ist ein Sammelbegriff, genau wie Rückwirkung (Feedback: Rückkopplung). Das Ko kann bedeuten: Kooperation, Koordination, Konkurrenz, Konvergenz, Kontingenz. Kooperation spielt vor allem bei der Betrachtung wie Systeme miteinander arbeiten und dabei wiederrum großformatige Rückkopplungsschleifen evozieren, die auf den Menschen wirken und evolutionär beschreibbar sind. 
Kooperation ist also ein Mechanismus von Koevolution - der auch in der Musik eine Rolle spielt. Dabei soll Musik nicht - wie so oft - analytisch getrennt betrachtet werden, und in diese theoretischen Konzepte eingepresst werden. Es geht um einen Gesamtzusammenhang angefangen bei Mensch - zu medialer Selbstbefähigung (Faßler) - Symbolkreation - Notation und Archive - Ausdruck durch Erfahrung und Datenvariation. 
Die Idee von emergenter Organisation kommt unterdes (auch) aus der Kybernetik, welche versuchte eine Regelungs- und Steuerungstheorie zu entwerfen. Für die Kreation von Musik kann dies relevant sein: Entweder in der Betrachtung wer im musikalischen Betrieb/Wissenschaft der Regler und Kontrolleur ist (Deutungshoheiten), oder auch wie Kopplungen aufgebaut sein sollten, damit sie stabil sind.

Übertragen bedeutet dies: es muss unterschieden werden in:
  • Musik als infogenetische Kopplung (Organisationsgrad) --> informationell Akustisches
  • Musik als Komplexität menschlichen Lebens (belebbare Entwürfe)
  • Musik als nicht reduzierbare Künstlichkeit --> Komplexität nicht als Normativität, sondern Modus informationellen Entwurfs
  • Musik als Datenvariation archivierter Symbole (Modell-Notation-Modell-Expression)
  • Musik als koevolutionäres Konstrukt menschlicher Autopoiese (Selbstorganisation) --> "Die kulturelle Evolution des Menschen war möglich, aber nicht notwendig"
  • Musik als strukturelle Organisation (Institutionen, Schulen, Hoheiten der Deutung/Komposition/Kreation, etc.)


de

Freitag, 15. November 2013

Skizze einer nonlinearen Ästhetik (Kunstphilosophie & -theorie) Teil 2

Weitere Leuchttürme:

Emergenz / Koevolution / Komplexität / Kopplung / Kooperation / Kybernetik

Nicht die Interfaces / Medien / Instrumente machen die Kunst, sondern die Menschen, die organisieren bzw. sich durch und mit diesen organisieren! Sie werden neu erfunden, neu gestaltet, umgeformt, geklaut, wiederentdeckt und wiederverwendet, die Konstante hier ist, dass sie verwendet werden, um zu organisieren oder auch auszudrücken, zu gestalten, zu musizieren, zu improvisieren, zu fantasieren, auszufüllen, zu strukturieren etc.

Schulen sind der zurechtstutzende Versuch der Musik- und Kunstwissenschaften (-betriebe) Gruppendynamiken zu simplifizieren. Auch wenn Gruppendynamik ein veralteter und ungenauer Begriff ist für ein komplexes Geschehen der Vernetzung, trifft dieser allemal besser als der Terminus Schule. Schule trifft spätestens in dem Moment nicht mehr, wenn die Schüler gleichberechtigte Partner des Lehrers und eigenständige(?), unabhängige(?) Künstler werden. Der Begriff Schule lässt auch die Anteile dieser Gruppen wegfallen, die Teil des Austausches sind, ohne zwangsläufig in einen öffentlich wahrgenommenen Kunst-Kanon (Repertoire) aufgenommen zu werden oder die auch gar nicht in einem herkömmlichen Sinne schöpferisch tätig wurden / werden. Siehe hierzu die oft verkürzenden Darstellungen zu den "Zwei Wiener Schulen": einmal um Haydn / Mozart / Beethoven und dann um Schönberg / Berg / Webern. In beiden Fällen werden die weiteren Komponisten, Musiker und Nahestehenden dieser Gruppen nur marginalisiert, was auch mit einem Originalitäts- und Geniebegriff einhergeht, der aus der Romantik stammend, die entsprechenden Erzählungen stilisierte und damit auch verfälschte.

Wir verneinen den Hegelschen Weltgeist und sämtliche darauf beruhenden oder ähnlichen Geschichtserzählungen, seien sie nun naiv, religiös oder dialektisch etc. Diese Konzepte sind unnatürlich und unrealistisch und bilden Geschichte eben nicht als Geschichten in ihrer Komplexität ab, sondern vernachlässigen und selektieren Fakten um zu einer verkürzten, unterkomplexen und stringenten(?) Erzählstruktur zu gelangen. Auch hier geht es um Machtlogiken, die aus vermeintlichen Kausalitätsprinzipien abgeleitet werden, beispielsweise die Deutungshoheit über was jetzt die richtige, wahre oder authentische Kunst sei oder darüber was zur wahren Tradition gehört und wie sich diese weiterentwickelt.

Kunst (und wenn man sagen möchte Kultur) ist immer eine Kollektivleistung, die ohne Kooperation nicht möglich ist. Dennoch wird immer wieder der Kult des Originalgenies hervorgekramt und das Individuum gefeiert (Personenkult), als sei es eine autarke und autonome Entität, die einfach aus dem Nichts etwas hervorbringt. Was wir als mythologisierende Geheimniskrämerei und gezielte Irreführung ablehnen. In diesem Zusammenhang sind elitäre Konzepte gleichfalls zu vermeiden.


Un hier geht es zu den anderen Teilen der Skizze:
Teil 1
Apposition 1
Teil 3

Mittwoch, 13. November 2013

Skizze einer nonlinearen Ästhetik (Kunstphilosophie & -theorie) Teil 1

Evolution / Humanismus / Anthropotechnik / Infogenität:

Dies sind hier einige der wichtigen Termini, die wie Leuchttürme unsere Aufmerksamkeit ausrichten sollen.

Bedeutend ist die Abwendung von Linearität oder einer anderweitigen simplifizierenden Stringenz oder Erzählstranges. Damit gleichbedeutend ist die Abwendung von Fortschrittserzählungen. Aus unserer Sicht ist keine Epoche besser als die andere, sondern jedes Kunstwerk immer das viable Ergebnis seiner Zeit. Dazugehört, dass unsere begrenzte (menschliche) Auffassung oder Wahrnehmung von Zeit immer auf dem Point Of No Return konstituiert wird, den wir Gegenwart / Jetzt nennen. Ist Musik-/Kunstgeschichte evolutionär? Wir denken vieles spricht dafür, auch wenn sich die Evolutionstheorie nicht 1:1 übertragen lässt. Kunst entwickelt sich nicht logisch, aber eben doch auch nicht völlig zufällig,  genausowenig wie Geschichte sich logisch oder völlig zufällig entfaltet: Evolutionär trifft es besser.

Die Idee von Originalität ist gänzlich zu verwerfen und zu ersetzen durch interzirkuläre Betrachtungsweisen. Beispielsweise ist ein Komponist immer auch ein Ergebnis seiner Umwelt: seiner Lehrer, Freunde, Familie, Geliebten, Feinde, Kritiker, Musiker, Publikum, Auftraggeber, Unterstützer. Eine singuläre Betrachtung verbietet sich von daher. Wie der Komponist komponiert, hängt von Eigenkonstruktion, Rezeption anderer Werke, Tageskondition, Politik, Tagesablauf und Mahlzeiten ab. Selten ist ein Komponist nur ein solcher, in den meisten Fällen muss er das Geld zum Leben anderweitig verdienen, z. B.  durch Unterrichten, Konzertieren, Dirigieren, Verlagsarbeit, Musikkritik, Theorie, PR oder auch ganz andere musikfremde Tätigkeiten.

Ähnlich wie in der Evolution sind "Errungenschaften" nicht Individuen zuzuordnen, sondern oft mehrfach in verschiedener Form zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten entstanden. Insbesondere die Erzählung (Konstruktion) der Moderne ist hier zu hinterfragen, als ein Mythos, der sich aus den institutionellen, industriellen, politischen und weltanschaulichen Machtlogiken speist.

Auf die Frage, warum jemand komponiert / Kunst macht, kann als Antwort gegeben werden: Weil er / sie es kann und es möglich ist. Was hier so simpel klingt, ist sehr viel umfassender:  Es spielen hier die verschiedenen Ebenen von Kosmologie, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie etc. zusammen, die in den meisten Debatten über Kunst ausgeblendet werden. Seinen Grund hat dies in dem sich auch in der Trennung der Geistes- von den Naturwissenschaften spiegelnden Dualismus von Geist und Materie. Dieser Dualismus ist nicht haltbar und muss aus einem sinnvollen Gedankengebäude zur Ästhetik ausgeschieden werden.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Individualismuskritik sowie die Institutionalisierungskritik: Individuum und Institution sind beides Strategien linearer Machtkonzepte.


Und hier geht es zu den weiteren Teilen der Skizze:
Teil 2
Teil 3