Donnerstag, 14. August 2014

Moderne?

So wie die 'Jüngeren/Progressiven' den 'Älteren/Konservativen' Modernismen vorhalten, halten die Letzteren den Ersteren Modisches Mitläufertum vor.

Beide liegen falsch! 

Denn beide Vorwürfe bzw. Haltungen sind betriebs- oder strukturbedingte Sichtweisen und Handlungsoptionen. Durch die entsprechenden Ideologien, Institutionen und Organisationsformen werden diese Ausformungen unterstützt und verstärkt. Die einen sind im besten Falle im 'Betrieb' etabliert, die Anderen müssen sich in den Vordergrund spielen, um im 'System' einen Platz zu bekommen.
Von daher sind derartige Angriffe und Kritiken systemkonform und ändern nichts an den Gegebenheiten in denen sich alle bewegen.

Das Utopische von Kunst und besonders Musik kann nicht bestritten werden, genauso wenig wie deren Beitrag zum Systemerhalt. Dass ein Kunstwerk das System verändern kann, ist eine Vermutung die noch nie bewiesen werden konnte. Damit fällt und steht aber jeder wie auch immer geartete Anspruch auf politische Relevanz und kritisches Potential. Warum dennoch an derartigen linearen Logiken, Argumentationsgrundlagen und eindimensionalen Geschichts- und Fortschrittsmodellen festgehalten wird, bleibt unklar und unbegründet! Zu vermuten ist, dass diese Einengung Sicherheit suggeriert und wie ein Axiomsystem Grundlagen schaffen soll, nach denen operiert werden kann. Dass dabei aber Optionen eingeschränkt, verhindert und tabuisiert werden, wird bewußt in Kauf genommen.  

Doch die 'Wahrheit' besitzt keiner! Jeder entwirft seine eigene Realität!



Samstag, 14. Juni 2014

Kommentar zum Berliner CSD 2014

Liebe Brüder und Schwestern, Neutra und Undefinierte!
Liebe Liebenden, Nichtliebenden, Ungeliebten und Andere!


Die Devise lautet: Ficken für mehr Rechte und Freiheit!

Werft die Kleinstaaterei über Bord! Wir brauchen nicht die vielen kleinen Könige und Königinnen, die in provinzieller Egomanie nur sich selbst inszenieren wollen. Was wir brauchen, ist eine kosmopolitische Bewegung. 
Denn der CSD mit all seinen weiteren Veranstaltungen, die daran im Juni angeschlossen sind, ist das wichtigste politische Ereignis des gesamten Jahres in der Hauptstadt, das eben nicht einfach nur ein schwuler Karneval ist! Hier geht es um die sexuelle Befreiung für alle Menschen und was oft dabei nicht mitgedacht wird: Demokratie, Religionsfreiheit, Menschenrechte und ein besseres Leben für alle. Begriffe wie Szene, Community oder Minorität(en) treffen die Dimensionen dieses Ereignisses nicht, da es um gesamtgesellschaftliche Belange geht. 
Und auch das Friedrichsche: „Jeder nach seiner Façon!“ meint nur ein Privates, Verstecktes, Kleinbürgerliches und die öffentlichen Angelegenheiten des Staates nicht Behinderndes. Darüber müssen wir hinausdenken: der Öffenliche Raum, die Öffenlichkeit und der Staat sollen eben nicht unterdrücken, diese sind keine starren, inhumanen Gegebenheiten, sondern menschengemachte Gebilde und damit veränderbar. 
Denn wer darf über Deinen Schwanz, Arsch oder Muschi, also Deinen Körper entscheiden? Das solltest Du sein und sonst niemand!
So wie es dieses Jahr aussieht, wird es wieder mindestens zwei Paraden in Berlin geben. Das ist eine traurige Botschaft: Denn hier wird nur ein Zeichen dafür gesetzt, dass sich das alte „Teile und herrsche!“ wieder mal bestätigt.
Wir kämpfen nicht nur für uns selbst, sondern für Ideale, die über den Einzelnen hinaus gehen. Warum finden wir dann nicht die Kraft und Stärke über Meinungsverschiedenheiten, Überzeugungen und Anschauungen hinwegzusehen und vereint eine politische Strahlkraft zu entfalten, die ernstzunehmen ist?
Mensch, reißt Euch doch mal zusammen! Wofür habt ihr denn gekämpft, gearbeitet und studiert? Die Party ist vorbei! Legt doch mal für einen Moment die Anästhetika beiseite! Nehmt Euch die Zeit und bereitet Euch auf die eine Party vor, auf die es ankommt!


In diesem Sinne:
„Öffnet die Herzen! – Und herzt die Öffnungen!“


Stefan Lischewski

Freitag, 14. März 2014

Neues vom Neuen

In einem früheren Beitrag habe ich bereits diskutiert, worin die Knackpunkte bei einer dialektischen Auffassung des Neuen liegen. Darin habe ich versucht die Motivation etwas Neues zu schaffen als Glaube an den Mangel von Neuem zu beschreiben. Demgegenüber stellte ich eine rein konstruktivistische Auffassung, dass alles neu ist, was einen Unterschied in der individuellen Erfahrung macht. Natürlich steht dem der Glaube an den Fortschritt gegenüber, und die daraus resultierende Position etwas Neues schaffen zu müssen, um überhaupt überleben zu können. Heute möchte ich eine weitere Provokation leisten: In der Diskussion um meinen Beitrag kristallisierten sich Fragen nach den Ordnungsschemata von Neuem heraus, und die Idee Neues als Selbstzweck zu begreifen. Ich werde dies heute befeuern.[1]

Neues als Selbstzweck?

Das 20. Jahrhundert war das große Zeitalter von Systemen und deren Kontrolle: Die Kybernetik legte den Grundstein für unsere wissenschaftstheoretische Gegenwart, und beeinflusst uns heute immer noch: Systeme, Selbstorganisation, Kontrolle, Maschinen bis hin zu den gegenwärtigen Diskussionen um Post- und Transhumanismus (welche anthropologischer Unsinn sind). Hieraus entwickelten sich immer Ideen von sich selbst regulierenden Systemen: Sei es das Auto, die Heizung, biologische Biotope oder gar der Mensch. Homöostasen sind ein vielfach verwendetes Wort, und lassen sich allerdings meist nur theoretisch sinnvoll ausgestalten. Adiabatische Systeme, also operational geschlossene Systeme, neigen zu einem Anstieg von Entropie; zu einem Anstieg von Informationsmangel und –unordnung. Nicht-adiabatische Systeme, also solche, die in einer Wechselwirkung zu einer Umwelt stehen, neigen eher zu einer Negentropie: Durch den kontinuierlichen Austausch von Information (im Original: und Wärme und Energie), besteht die Möglichkeit, dass im System informationelle Gleichgewichte entstehen.

Man könnte nun tatsächlich versuchen die Kreation und Schöpfung von Neuem als ein System zu begreifen: Eigentlich wird hierbei die Skalierung der Beschreibung durch eine agency festgelegt (also durch einen Handlungsfokussierten Motivator). Heute setzen wir das System einmal selbst: Darin ergeben sich zwei Grade dieses Neu-Systems, welche sich aus der Tradition der Kybernetik ergeben.[2] Neues 1. Ordnung bestünde in einer systemischen Universalreferenz – das, was dialektisch ebenfalls gut zu fassen ist, unter dem Neuen an sich, oder dem Neuen für alles. Diese Universalreferenz zeichnet sich durch eine gewisse Unschärfe aus, da es jedem möglich sein muss, darin sein Neues zu lesen: Dieses Neue muss also begrifflich etwas unscharf bleiben: wie etwa durch bestimmte Termini: "Diese Musik ist neu und revolutionär" oder "sie schafft es die Kulturen zu verbinden" oder "ein sozialer Gestus in der Musik" und so weiter. Darin lassen sich eben unscharfe Begriffe wiederfinden, die nur genau deswegen von jedermann verwendet werden können. Das verhält sich ähnlich zu dem fuzzy-Begriff bspw. von B.Kosko, als Bsp.: Der Begriff "Wetter" ist fuzzy, da nur der Begriff keine Ebene der Phänomenologie implementiert ("mir ist heute kalt"; "scheiß Wetter"). Daher kann ihn jeder verwenden und mit seinen interphänomenologischen Konnotationen füllen.

Nach der Kybernetik, welche eben versuchte epistemische Ordnungsschemata zu erstellen, entwarf Heinz von Förster die Kybernetik 2. Ordnung oder die Kybernetik der Kybernetik. Darin wird ein epistemisches Ordnungsschema als sein eigener Referent betrachtet. Übertragen für uns hier, würde dies bedeuten: Neues von Neuem.[3] Dies wäre die eigentliche Ausformulierung von Neues als Selbstzweck.

Neues von Neuem würde dann die Kybernetik 2. Ordnung sinngemäß verarbeiten, und sich der zirkulären Kausalität verschreiben. Wir hätten damit quasi ein adiabatisches System innerhalb eines nicht-adiabatischen Systems geschaffen, denn Neues als Universalreferenz stünde in einer Wechselwirkung zu einem Außen, und Neues von Neuem stünde in einer Selbstreferenz zu sich selbst. Man könnte das Neue vom Neuen auch als Neues per se beschreiben, als das, was sowieso neu ist, weil es von jemand gemacht wurde, der Neues macht. Neues als Selbstreferenz funktioniert also autorelational.

Der Knackpunkt bei dieser Herleitung wäre die Funktionalität von Neuem 1. und 2. Ordnung. Neues 1. Ordnung dient universal dazu unscharfe Unterschiede zu erkennen und zu machen. Neues 2. Ordnung dient maßgeblich zur Selbstreflexivität - was in diesem Kontext nichts anderes bedeuten würde als Unterschiede bei sich, also innerhalb der eigenen phänomenologischen Grenzen (wo auch immer die sein mögen), zu machen: Geschlossene Systeme können sich operational eben nur in den eigenen Grenzen bewegen, und sie stellen eben den Beobachter des Systems in den Mittelpunkt, der dann selbst das System ist. Das hieße noch pointierter: Neues von Neuem, also Neues als Selbstzweck, muss immer auf eine Person hinauslaufen. In dieser hier vorgestellten Argumentation geht es gar nicht anders als das Neue immer bei dem Neumachenden zu suchen. Das Neue 2. Ordnung ist also neu, weil (1) jemand in Auseinandersetzung mit sich selbst feststellte, dass es neu ist; (2) es in einer Kopplung zu Neuem 1. Ordnung steht, und daher Wechselwirksamkeit behauptet; (3) weil es entropisch ist.

Bei genauerem Lesen sieht man, dass es bei dieser konzeptionellen Herleitung von Neuem letztlich nicht gut bestellt ist um den Begriff Neu.[4] Vor allem letztgenannter Punkt greift einen eigentlich abzuwehrenden Gedanken auf: Wenn das System des Neumachenden entropisch ist, heißt dies nichts anderes, als dass das Neue - überspitzt formuliert - irgendwann nicht anders kann als seine Neuheit zu behaupten - bei gleichzeitig ansteigender Inhaltsleere/Verknüpfungsarmut. Entropie wäre in diesem Falle das Ansteigen von Informationsmangel, also auch die immer mehr und mehr fehlenden Möglichkeiten Daten zu verknüpfen und zu variieren. Allerdings könnten wir noch eine weitere theoretische Ebene hinzufügen, um Neues vom Neuen ein wenig besser darzustellen.

Aus dem Konstruktivismus ist uns bekannt, dass Erfahrungen eines Menschen dazu dienen seine Welt zu konstruieren und diese als viabel - d.i. im engeren Sinne pragmatisch funktionierend - zu beleben. Die Welt eines Menschen ist viabel, sofern sie funktioniert und zu einer wie auch immer genauer definierten ontischen Realität passt (vgl. Glasersfeld 1997). Aus der Kybernetik wird dies als Stabilitätsindikator beschrieben: Systeme, die sich durch Rückkopplungen organisieren, können eine Loslösung vom antreibenden Motor bewirken und in sich – also selbstreferenziell – stabil werden:

„[…] So dient die Rückkopplung dazu, die Abhängigkeit des Systems von der Charakteristik des Motors zu vermindern, und dazu, es zu stabilisieren, […]“ (Wiener, 1968: 139)

Wir übertragen: Neues von Neuem steht in Kopplung zu Neuem als Universalreferenz (Neues 2. Ordnung in Kopplung zu Neues 1. Ordnung). Dieses Neue als Universalreferenz steht in Kopplung/Wechselwirkung mit einem Außen. Durch diese Rückkopplung ist es möglich das System nun selbstreferentiell stabil zu halten. Man könnte also etwas technokratisch formulieren: selbstreferentiell Neues ist stabil neu, und universalreferentielles ist instabil neu. Was nun Stabilität in diesem Kontext bedeuten würde, müsste freilich ausdiskutiert werden: Gesellschaftliche Relevanz, zeitliche Konsistenz, etc. Hierin läge sogar eine Begründung sich für autorelational Neues zu entscheiden, da nur das tauglich ist, was aus den eigenen phänomenologischen Grenzen entstanden ist. 

Nochmal: Dies ist ein reines Gedankenspiel – es ist fragmentarisch und sicherlich nicht sauber ausgeführt. Es lässt sich jedoch dahinter eine Idee feststellen, wie Neues epistemisch verhandelt werden könnte. Wir müssen unbedingt feststellen, dass die verschiedenen Verknüpfungen und Verbindungen, die hier gemacht wurden, nicht unproblematisch sind. Gleichfalls ist die Nennung von Entropie und Phänomenologie in einem Atemzug momentan theoretisch unterernährt, da hier System und Individuum aufeinandertreffen. Die nächste Herleitung kommt bestimmt…




[1] Man sollte beim Lesen dieses Textes, und aller meiner Texte, nie vergessen, dass Provokation durch Vergleich und Gegenüberstellung immer ein adäquates Mittel für den Diskurs ist. Es geht gar nicht so sehr um meine Meinung, sondern um die Darstellung von verschiedentlichen Idee-konzeptionellen Möglichkeiten.
[2] Im vorigen Text wurde ebenfalls von Neu in 2 Graden gesprochen. Dies war allerdings eher eine formale und sprachliche Setzung. Diese hier verhandelt sich konzeptionell.
[3] Du liebe Güte, diese konzeptionelle Herleitung kann aufgrund der oben beschriebenen fehlenden agency für absolut jeden Begriff geleistet werden.
[4] Nochmals: Es handelt sich hierbei um eine mögliche Herleitung unter vielen. Das ist keine Meinung, sondern ein Gedankenspiel.

Sonntag, 9. Februar 2014

Alban Berg - Der Sanfte Moderne



Heute, am 09. Februar 1885, also vor 129 Jahren wurde Alban Berg geboren. Er war einer der Protagonisten der Zweiten Wiener Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er sticht durch seinen romantischen Ton aus der Schule heraus, obwohl er sehr moderne und strukturierte Partituren schrieb. Sein Erfindungs- und Ausdrucksreichtum, aber auch die Bandbreite seiner Harmonik siedelt seine Musik zwischen Expressionismus, Impressionismus und Spätromantik an. Später kommt noch ein Anflug Neuer Sachlichkeit dazu.

Alban Berg mit Arnold Schönberg




Radio-Dialog "Was ist atonal?" abgedruckt in:
Alban Berg im Gespräch mit Julius Briston

Hier eine Auswahl aus dem Schaffen Bergs:

Glenn Gould spielt Alban Bergs Klaviersonate op.1:





Linden Quartett spielt Alban Bergs Streichquartett op.3:





Tichman und Budnevich spielen Alban Bergs Vier Stücke für Klarinette und Klavier op.5:





Das LSO unter Abbado spielt Bergs  Drei Orchesterstücke op.6:

I Präludium



II Reigen


III Marsch





Richter und Kagan spielen Bergs Kammerkonzert für Klavier, Violine und 13 Bläser:





Alban Berg Quartett spielt Bergs Lyrische Suite:



Szeryng, Kubelik und BRSO spielen Bergs Violinkonzert:






Ausserdem am 9. Februar:

Harald Genzmer (* 1909), Salah El Mahdi (* 1925)

Franz Anton Hoffmeister († 1812), Ernst von Dohnányi († 1960), Andor Foldes († 1992)

Freitag, 7. Februar 2014

Die Wandlung und Vielfalt der Klaviaturen

Hier eine Bildersammlung von Tastaturen und Pedalen, um zu zeigen wie schön und unterschiedlich diese Interfaces aussehen können, aber auch wie gleichgültig diese sind im Bezug aufs Musikmachen. Wir können die Tastenform und -Anordnung verändern, wir können diese für Finger, Hände, Fäuste, Füße oder sonst welche Körperteile gestalten. Letztendlich ist Instrumentenbau eine von vielen menschlichen Organisationsformen, genauso wie die Benutzung dieser Instrumente und Interfaces. Menschen machen Musik, unter verschiedensten Bedingungen und mit verschiedensten Hilfsmitteln, will heißen ein neues Instrument oder Interface macht noch lange keine neue Musik. Die Artikulationsformen können variieren, aber das war es im Grunde schon. Dieser Fetisch für neue Instrumente oder Interfaces ist eben auch nur eine Materialentwicklung wie vor 50 oder 100 Jahren und kein grundsätzlich Neues. Ich sehe auch in den Techno-Logiken der Computerisierung und Digitalisierung keinen Unterschied: Noch immer ist Musik organisierter Klang, selbst wenn dieser als non-cochlear definiert wird.

















Montag, 3. Februar 2014

Felix Mendelsohn-Bartholdy


Today 205 years ago was the birthday of one of the most gifted german composers: Felix Mendelsohn-Bartholdy. His role was very prominent for the development of the musical landscape in Germany during the romantic period. Please enjoy his famous music for Shakespeare's 'A Midsummer Night Dream':

Freitag, 31. Januar 2014

Wie homoerotisch sind Eure Klassiker?


Vorneweg eine Liste von Komponisten, die ich erst einmal nicht weiter kommentieren möchte:
Jean-Baptiste Lully
Georg Friedrich Händel
Wolfgang Amadeus Mozart
Ludwig van Beethoven
Franz Schubert
Camille Saint-Saens
Peter Iljitsch Tschaikowski
Richard Wagner
Anton Bruckner
Carol Szymanovsky
Gustav Mahler 

Und damit das nicht so unmodern aussieht, noch ein paar weitere Namen aus dem letzten Jahrhundert hinterher:
Aaron Copland
Peter Maxwell Davies
Henry Cowell
Benjamin Britten
Hans Werner Henze
Claude Vivier
Leonard Bernstein
John Cage

Also noch einmal: Wie homoerotisch waren diese und andere Komponisten? Mit dieser Frage will ich - passend zu Franz Schuberts Geburtstag - ein wenig den doch sehr normativen, normierten und normierenden Musikbetrieb aufmischen und die Vereinnahmung von Künstlern und Werk durch religiös, konservativ (regressiv) oder antihumanistisch gefärbte Politik kritisch hinterfragen. Eines der letzten Beispiele ist Russland (Anti-Homo-Propaganda-Gesetze etc.) und der Versuch Tschaikowkis Sexualität auszublenden bzw. zu retuschieren oder noch aktueller eine Diskussion über Lehrinhalte in den Schulen Baden-Würtembergs. Ähnliches haben wir in anderem Zusammenhang schon einmal erlebt. Tunten-Bashing hat sozusagen Tradition: ob nun Heine gegen Platen oder Adorno und Horkheimer gegen Golo Mann. Beispiele dafür, wie im kuturellen Wettbewerb um die Futtertröge und den besten Platz an den Zitzen der Wollmilchsau mit allen Mittel gekämpft wird, gibt es zuhauf.
Mich interessiert gar nicht, ob Musik schwul klingt (was ich bezweifle) oder ob die homoerotischen Neigungen mancher Komponisten und Künstler relevant für ihr Schaffen ist oder war (was möglich ist, aber vermutlich nicht erschöpfend). Auch will ich hier keine Homo-Propaganda nach dem Motto "um so schwuler der Künstler um so hübscher und besser die Kunstwerke" oder "die einzige und wahre Kunst wurde von Schwulen gemacht und erfunden" verbreiten. Und eine kommerzielle Ausbeutung à la Bertelsmann halte ich für höchst fragwürdig. Die Frage zielt auf den gesellschaftlichen Wahrnehmungskontext: Lebensdetails, -ereignisse und -situationen werden ausgespart, beschönigt,  retuschiert oder dreist Als-Dienst-an-der-Kunst bezeichnet. Diese heteronormative Vereinnahmung ist es, was mir aufstößt! Wenn man nichts über die private Seite eines Künstlers wissen will oder weiß, ist das heutzutage eine Wahl, die man treffen kann. Aber man kann dann noch lange nicht davon ausgehen, dass jeder einer Heteronormativität entspricht, die es so sowieso gar nicht gibt.
Gleichfalls reflektiere ich hier auf das seltsame Verhalten einiger Kollegen (Musiker und Komponisten): Ratschläge à la "es wäre besser für die Karriere, wenn man sich heterosexuell orientiert", kumpelhafte Witze nach Altherrenmanier, nicht ernstgemeinte Beleidigungen oder eben auch das immer wieder gehörte Wir-haben-nichts-gegen-Homosexuelle-Gelaber oder wir wissen Bescheid (die Liste ließe sich fortsetzen).
Das Ganze ist auch Teil eines größeren Komplexes: Sexismus. Und der zieht sich durch die Musikgeschichte wie Syphillis durch die Menschheitsgeschichte. Frauen durften nicht musizieren oder bestimmte Instrumente spielen, hatten Auftrittsverbot in der Öffentlichkeit. Ihnen wurde die Fähigkeit zu komponieren abgesprochen oder ihr Drang zum Musik machen wurde einfach unterdrückt; ganz aktuell: Frauen werden nicht in Orchester eingestellt trotz höchster Qualifikationen und Fähigkeiten (aber mit Frauen kann Mann halt nicht so schön nach der Mugge saufen gehen) etc. Jetzt mag die Frage kommen was hat Homophobie mit Frauen bzw. Sexismus zu tun? Sehr viel! Denn die Ungleichbehandlung von Frauen hat mit sexueller Normierung zu tun und diese lineare Denkstruktur  geht konsequent auch gegen nicht-normgerechte Sexualität wie Homosexualität vor. Dahinter steckt die patriarchale Angst und Paranoia, dass Homosexuelle (heterosexuelle) Männer wie Frauen behandeln könnten und damit mit Frauen gleichstellen, aber eben nicht in einem positiven Sinn. Bildlich gesprochen: Ein Mann könnte sie (die Männer) begehren und vergewaltigen oder sonst wie eine Fraue oder ein Mädchen behandeln. Bei vielen mag auch eine restriktive und unausgelebte Sexualität dahinter stecken, die den anderen nicht gönnen mag, was man sich selber versagt: Dieser Mechanismus ist bekannt. Ein weiteres Beispiel ist die Diskriminierung von Männern aber auch Frauen, die einer wie auch immer gearteten heterosexuellen Kleidungs- und Erscheinungsnorm nicht gerecht werden, unabhängig davon, ob diese nun hetero-, homo- oder bisexuell sind.
Es geht mir hier gar nicht darum, irgendwelche Sonderrechte für Minderheiten einzufordern. Auch wenn das einigen Gut- und Bessermenschen weh tut: Arschlöcher gibt es überall und Minderheiten sind davon nicht ausgenommen. Also worum geht es? Es geht darum, auf gleichen Rechten für alle Menschen zu bestehen. Dazu gehört, das wir bestimmte lineare Groß-Erzählstrukturen in Frage stellen und aus einem allgemeingültigen oder wie auch immer verhandelten Konsens ausscheiden. Was eben auch dazu führen muss, dass im Musikbetrieb, in der Musikforschung und in der Rezeption diese linearen Denkkonzepte wegfallen müssen, damit wir endlich Menschen ganz als menschliche Wesen verstehen können. Denn der Mensch hat viele Facetten und ein Schwarz-Weiß-Bild wird dem nicht gerecht. In diesem Zusammenhang kann ich auch einer wie auch immer gearteten Debatte über den abwesenden oder überholten Menschen im Zusammenhang mit dem Trans- oder Posthumanismus nicht folgen: Das klingt mir doch zu sehr nach Science Fiction mit der Betonung auf Fiction. Noch sehe ich keinen von beiden realisiert oder auch nur ansatzweise in Erscheinung tretend, also was bleibt ist Humanismus.
Hier nun auch der Verweis auf den allseits so unbeliebten Kinsey-Report (Nachweis s.u.), der (zu seiner Zeit revolutionär und nach wie vor hoch aktuell) gezeigt hat, dass eine Unterteilung in einfach nur hetero- oder homosexuell kaum haltbar ist und eher ein Kontinuum verschiedener Grade von Bisexualität unter Menschen (bis zu 95%) verbreitet und daher wohl normal ist. Ich ziehe daraus auch die Schlussfolgerung, dass das ein repräsentatives Ergebnis ist, welches sich auch auf andere Epochen und Geschichtsabschnitte anwenden lässt. Denn laut Kinsey, der ein Verhaltensforscher aus dem Bereich der Biologie war, ist Asexualität eher die Ausnahme. Also können wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen in irgendeiner Form ihrer (Bi-)Sexualität, wie auch immer diese ausgesehen haben mag, nachgegangen sind.
Unterm Strich bleibt: Humanismus und als ein Teil davon vorurteilsfreie Akzeptanz von Sexualität, aber auch Geschlecht. Das bedeutet auch, dass ich mich gegen den typischen Diskurs der gender studies absetze: Hier wird immer mehr in Unterscheidungen differenziert und eben die Gemeinsamkeiten darüber vergessen oder gänzlich unsichtbar gemacht, als Beispiel möge hier die Diskussion genügen, ob wir neben den Toiletten für Männern und Frauen auch noch Toiletten für Trans- oder Intersexuelle Menschen einrichten sollen, was ja die Verschiedenheit, Getrenntheit  und Ungleichheit vertieft. Im Gegenteil wäre meine Empfehlung hier: Keine Sonderrechte sondern eine Unisex-Toilette für alle und damit eine Veränderung von gegenseitigem Umgang, also statt eine materiellen Ersatz-Lösung eine Lösung im Denken.
Solange wir aber diese vorurteilsfrei Akzeptanz von menschlichem Verhalten nicht erreicht haben, müssen Minoritäten aggressiv auftreten, sich politisch Gehör verschaffen, auf die Strassen gehen, den anderen die Perversität ihres Denken und Handelns aufzeigen und Sichtbarkeit schaffen. Deswegen muss ich auch die Frage nach der Homoerotik in der Kunst stellen, ich muß die patriarchalen und sonstige Hierarchien angreifen und in Frage stellen, auch wenn es peinlich, unangenehm oder störend ist. Denn irgendwann sollte das eben nicht mehr peinlich, unangenehm oder störend sein! Und ganz bestimmt geht es mir auch nicht um eine Form von Politischer Korrektheit, das ist nur ein Verstecken hinter Worthülsen und Phrasen! Ich will als Mensch akzeptiert werden, ohne wenn und aber!




Happy Birthday Franz Schubert!




NB. Wenn jemand Fragen zu den beiden Listen (s.o.) hat, kann ich die gerne noch kommentieren, ansonsten lassen sich die meisten Komponisten im Internet finden und z.T. gibt es da auch Informationen zu ihrer Sexualität.

Zum Kinsey-Report siehe:
Alfred Charles Kinsey: Sexual Behavior in the Human Male (1948; deutsch: Das sexuelle Verhalten des Mannes, 1955) 
Alfred Charles Kinsey: Sexual Behavior in the Human Female (14. September 1953; deutsch: Das sexuelle Verhalten der Frau, 1954).
Erwin J. Haeberle: Bisexualitäten - Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems, erschienen in: E. J. Haeberle und R. Gindorf: Bisexualitäten - Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 1–39

Donnerstag, 30. Januar 2014

Chormöglichen. Entwürfe für eine Chormoderation.

Für Filterrauschen, Berlin 2014, revidiert 2016

Zusammenfassung
Der Chor als Gemeinschaft des gemeinsamen Singens ist passé. In der Gegenwart von Netzwerklogiken und dem Wissen um sich verändernde Medialitäten des Menschen, müssen wir uns damit beschäftigen wie man heute dennoch Musik in Chören machen kann. Dazu benötigen wir eine neue Definition des Chores, und der Arbeit des klassisch begriffenen Chorleiters. Dieser wird hier als Chormoderator mit all seinen Konsequenzen der Handlung beschrieben. Diese Konzepte sollen es ermöglichen Singenden Techniken zur Erfahrungsbündelung zu vermitteln.

ganzer Text
Da ich selbst Anthropologe und Musiker bin, möchte ich einen Artikel über den praktischen Input von unserer Vorstellung von Musik leisten. Wie drückt sich die die Theorie in Praxis aus? In der Idee von chormöglichen, stecken verschiedene theoretische Konzepte, die es ermöglichen sollen, den SängerInnen eines Chors einen Katalog voller Möglichkeiten anzubieten, aus dem sie kreativ schöpfen können. 
Zunächst jedoch ein theoretischer Zugriff, auf Chor und Chorleiten: Was soll das im Jahre 2014 sein? 
Als Chorleiter stehe ich vor verschiedenen Tatsachen, die sich einem statistisch anbieten: Seit Jahren wird von einem Chorsterben berichtet, das sich vor allem im Aussterben der bereits bestehenden Chöre ausdrückt. Gleichzeitig sehen wir uns einer wachsenden Tendenz von Gospel- und new voice-Chören, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Der gute alte Männerchor (ähnlich wie die jute Butter) wird statistisch gesehen in wenigen Jahren als Format nicht mehr existent sein (sofern die Tendenz konstant bleibt).[1] Des Pudels Kern liegt wohl im Verhalten der Menschen zum Organisieren mit anderen Menschen, das ich als Anthropologe als sozialformieren beschreibe. Tatsächlich gibt es auch andere Chorleiter, die genau diese Tatsache sehen: sie wird gerade dann deutlich, wenn es um das Sterben bestehender Strukturen geht.[2] Es ist zumindest unwahrscheinlich, dass Menschen heute nicht mehr singen wollen, oder ganz und gar nicht mehr können.[3] Symptomatisch sei hier die Statistik von Musikdownloads angeführt, die seit Jahren stetig wächst (wenn man sich die kostenpflichtige Musik ansieht).[4] 
Singen und Musikmachen ist immer noch im Fähigkeitskasten der Menschen – sie gestalten es heute nur anders als vor 50 Jahren – wer soll es ihnen verdenken, bzw. wer hätte das kommen sehen sollen? 
Ein Chor könnte demnach heute ganz anders begriffen werden: Er ist kein Container mehr, der sich durch Vereinsstruktur auszeichnet. Eigentlich wäre deshalb ein neuer Begriff angebracht, der genau diesem Umstand Rechnung trägt. Eine neue Definition von Chor wäre entsprechend der neu entwickelten Medialitäten von Menschen (Wahrnehmungsweisen, Expressionsverhalten, Aufmerksamkeits-ökonomien)[5] ein projektgemeinschaftliches Geflecht, das sich durch eine zeitliche und thematische Unabgeschlossenheit auszeichnet. Ein Projekt(chor) wäre so verstanden, eine Gruppe von Menschen, die sich ohne gesellschaftliche Formationsregeln, wie Vereinstruktur, zusammenfindet, und dem Topos des Projekts folgend offen assoziativ, das heißt: ohne Befristung und ohne genauen Pfadverlauf, arbeitet. In diesem Falle hieße das: Singen.[6] 
Entsprechend müsste sich hieran auch das Chorleiten als Begriff verändern: Wenn ich davon ausgehe, dass ein Chor eine Sozialformation von Menschen mit Projektcharakter ist, dann könnte der/die Chorleiter*in nicht als solcher verstanden werden. Leiten kann man nur einen Chor, den man als Container versteht, der sich klar hierarchisch organisiert, in dem davon ausgehe, dass verschiedene Rollen und Figuren von Menschen bestehen. In einem Projekt sind diese Begriffe nicht gegeben: Menschen machen in Projekten sich selbst ständig neu; das Projekt ist quasi eine Selbsttechnik des Menschen, zur ständigen Neuerfindung des Lebens.[7] Singen in einem Chor ist daher – auch wenn dies zu hoch gegriffen klingen mag – in diesem Sinne das ständige Neuerfinden seiner selbst durch Musik. Für den Chorleiter ergeben sich daher vollkommen neue Aufgaben und Herausforderungen, die sich gar nicht mehr als Leiten begreifen lassen. 
Ich verstehe den klassischen Chorleiter heute als Moderator eines Chores. Dieser Chormoderator hat die Aufgabe die ständige Neuerfindung durch Musik für die SängerInnen zu ermöglichen. Wir befinden uns damit in einem Dazwischen von Verhalten und Regeln, die sich gegenwärtig noch austarieren – die wir allerdings unter allen Umständen ernst nehmen müssen, und versuchen zu realisieren. Daher möchte ich folgend skizzieren, was ein Chormoderator als Handlungsmöglichkeiten hat: 
-          Der Austausch von Erfahrung: Der Chormoderator hat (im besten Falle) eine höhere musikalische Ausbildung als die SängerInnen, und damit ein größeres Spektrum von musikalischen Erfahrungen, die es gilt mit dem Chor auszutauschen. Das klassische Prinzip „ein Stück im Kopf hören, und es dann realisieren“ muss in ein Wechselverhältnis zu den SängerInnen gestellt werden. Die Meinungen und Erfahrungen müssen deutlich reflektiert und realisiert werden. Zwar hat der Chormoderator das größere Spektrum an Techniken des Singens und des musikalischen Ausgestaltens eines Stückes (egal ob Song oder Arie), allerdings verbindet jeder Singende verschiedene Erfahrungsbündel mit dem Stück, die ebenfalls umgesetzt werden müssen. In diesem Sinne verstehe ich den Chormoderator als Ermöglicher der spezifischen Erfahrungen der Singenden, indem er Ihnen die musikalischen Techniken (transparent) vermittelt, und ihnen damit einen Katalog von Möglichkeiten des Singens an die Hand gibt.[8] 
-          Dieses Ermöglichen von Singen kann nicht nur durch das Geschehen im Chor passieren. Unabdingbar erscheint mir ein Fokus auf den Singenden: Durch Solo-Gesangsunterricht muss die Technik des Singens direkt an den Menschen getragen werden, sodass dieser sie im Chor auch umsetzen kann.[9] In großen Chören mag dies auf ein Organisationsproblem stoßen. Ich denke aber, dass in großen Chören Funktionen gefunden werden könnten, um Gesangspädagogen anzustellen, oder einen Gesangsunterricht irgendwie so zu strukturieren, dass jeder davon einen Nutzen ziehen kann.[10] 
-          Die Chorprobe an sich versteht sich demnach wie eine Moderationssitzung: Die Gedanken, Erfahrungen der Singenden müssen in den Proben berücksichtigt werden. Dies geschieht ganz einfach, in dem man sich als Chormoderator mal traut, von seinem Thron herabzusteigen, und genau danach zu fragen: Wie ist das Empfinden der Singenden zum dem Stück? Was würden sie gerne anders machen (gestalterisch)? Welche Relevanz hat das Stück, bzw. haben einzelne Sequenzen in dem Stück für sie? Man muss sich dabei als Chormoderator eingestehen keine Hoheit über die situative Musik zu haben, sondern nur über die Techniken und die Bündelung der verschiedenen Erfahrungen. Das Ziel dem Chor zu einem homogenen Klang zu verhelfen muss dabei nicht verloren gehen: In dem man das Singen als Wechselspiel zwischen Chormoderator und den Singenden untereinander begreift und ausführt, ist es möglich den Menschen zu einem besseren Verständnis für sich selbst und die anderen zu verhelfen: Reflexion heißt hier das Schlagwort. Das Realisieren von Singen, heißt dann: den Menschen helfen sich selbst zu verstehen; sich selbst zu erfinden und zu positionieren. 
-          Dies schlägt sich auch in der Auswahl von Stücken nieder: bei Chören, die keinen Zwang zu Auftritten haben, sollte jeder Singende die Möglichkeit haben seinen/ihren Wunsch nach bestimmten Stücken zu ermöglichen. Dies wäre eine direkte Übersetzung der spezifischen Erfahrungen der Singenden mit und im Chor. Gleichzeitig ermöglicht dies allen anderen Singenden sich in die musikalische Erfahrungswelt der Mitsingenden hinein zu denken/singen/erfahren. Das Ergebnis aus solchen Prozessen wird sicherlich eine bunte Mischung von Stücken sein. Was mich zum nächsten Punkt führt. 
-          Die Zielsetzung eines Chormoderators muss programmatisch nicht der Pfadverlauf der Stücke sein.[11] Wichtig wäre demnach nicht, dass am Ende ein sauberes, in sich stimmiges Programm entsteht, was sich nur durch die Titelauswahl kennzeichnet, sondern ein kohärentes Programm im Sinne der Singleistung des Chores. Ein Programm von Stücken ist also demnach kohärent, wenn alle Singenden mit den Stücken „etwas anfangen“ können, sich darin verorten können und es mit Spaß, Lust und Leidenschaft auch anderen Menschen zu Gehör bringen können. Das wesentliche Merkmal was sich hier an den neu definierten Chor und das Chormoderieren anschließt, wäre nicht Kohärenz des Programms (Form und Inhalt), sondern Authentizität der Singenden (Akteure und Praxis). Wichtig ist, dass Zuhörer den Singenden vertrauen und – wenn man so will – Glauben schenken.[12] Dies ist ebenfalls eine Herausforderung an den Chormoderator, sich den neuen Stücken und neuen Musikrichtungen zu stellen, und diese technisch zu vermitteln. Auch er/sie muss dabei authentisch sein, um die Musik moderieren zu können. 
-          Dass Führen von Hörbüchern: Als eine praktisch-empirische Arbeit im Chor erweist sich eine alte kulturanthropologische Forschungsmethode als sehr effizient: Das Führen von Tagebüchern. Um die Reflexion der Singenden in einen ordentlichen Lauf zu bringen, kann es sinnvoll sein, sie Tagebücher ihrer Musik führen zu lassen. Man gebe ihnen dazu ein kleines Notizbuch in die Hand, in das sie alltägliche Erfahrungen mit Musik notieren.[13] Das ermöglicht im besten Falle ein Ingangsetzen von musikalischer Reflexion, und damit einer stärkeren so gesprochenen Realisierung von eigener Musik zu Umwelt. 
-          Zur Formation von Chören: Ich halte es widerläufig, heute Chöre mit fester Vereinsstruktur zu führen. Natürlich steht man vor der Herausforderung genügend Singende zu finden, die einer Gemeinschaft loyal bleiben. Wie bereits zu Anfang erwähnt, sind die geläufigen Vertrauensmodi zu Container-Chören gegenwärtig in einem starken Stress. Ich behaupte, dass Chöre, die sich als authentisch erweisen, d.h. in ihrem Programm von Stücken, aber auch im Programm von Singen (vgl. oben), wenige Probleme haben sollten Zulauf von Menschen zu erhalten.[14] Denn wie bereits erwähnt sehe ich nicht, dass Singen als Kulturtechnik gegenwärtig einen Qualitätsverlust erleidet hätte. 
-          Das Moderieren der Chorprobe sollte neben dem Fokus auf die Singenden, auch das Material fokussieren. Es gibt gerade in Deutschland zu wenig Diskussion darüber, mit welchen Gesangstechniken welches Notenmaterial realisiert werden kann. Viele Chorleiter*innen sind ausgebildet mit einem tiefsitzenden Kehlkopf zu singen: Eine Technik, die bei Pop und Rock zu einem nicht-authentischen Ergebnis führt. Ein Song von Michael Jackson, bzw. das Arrangement dazu, benötigen Twang, Curbing, Belting, und einen beweglichen Kehlkopf. Der Umgang mit dem Notenmaterial heißt dann für die Chormoderation, Techniken zur Erfahrungsbündelung zurecht legen. 
Diese Ausführungen könnten helfen Chorsingen zu ermöglichen, und wären demnach wirklich ein chormöglichen des Chormoderators. Es ist eine große Herausforderung für Chorleiter sich darauf einzulassen: Vor allem menschlich erweist sich dieser Ansatz als kompliziert in seiner Ausführung. Ständige Vermittlung heißt eben auch ständig sozialer Stress zwischen den Singenden und dem Chormoderator[15]. Das Ziel eines authentischen Chores kann allerdings dabei helfen, diesen Modus aufrechtzuerhalten. 
Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass der soziale Stress, der dabei entsteht, den man sogar offen zulässt und quasi erwünscht (durch die Form der Moderation), auch zu einzelnen Kollapsen führen kann: Es wird unumgänglich sein, dass Singende dann den Chor verlassen, oder grundsätzlich mit der situativen Programmstruktur des Singens und der Stücke nicht einverstanden sein werden. Grundsätzlich ist dies allerdings ein positiv zu bewertender Prozess, da er zeigt, dass sich Menschen aktiv mit dem Chor und dem Singen auseinandersetzen, und ihr Tun reflektieren. Letztlich beweist sich dann das Moderieren der Gruppe (sozial) als ein Vertrauen in die Methode, dass „am Ende zusammenwachse, was zusammen gehöre.“ Die Zeiten, in denen Menschen nur irgendeinem höheren Zwecke willen in Chören singen, sind nun mal passé (vielerorts). Es gilt nicht den Dienst an diesem Höheren zu folgen („dem Schönen und Guten/Wahren“), sondern die Menschen vor Ort mit ihren Erfahrungen ernst zu nehmen und ihre musikalischen Positionen zu vermitteln und zu einer Authentizität zu verhelfen.



[1] vgl. http://www.mainpost.de/regional/hassberge/Chor-Sterben-und-Gesangs-Boom;art1726,4413889 (zuletzt aufgerufen am 29.01.14)
[2] ebd.
[3] Ganz im Sinne von M.Serres: „Der Mensch ohne Fähigkeiten“: Nachdem der Mensch sämtliche menschliche Fähigkeiten in Techniken ausgelagert hat, bleibt von ihm nichts mehr übrig. Diese These halte ich für absurd. Als Anthropologe sehe ich eine empirisch belastbare Wirklichkeit, die genau das Gegenteil zeigt. Menschen machen nach wie vor Musik, die Strukturen und die Medialitäten haben sich dazu allerdings stark verändert.
[4] Dass der Download von kostenloser Musik abnimmt, hat wohl eher damit zu tun, dass eben dieses Angebot seit Jahren weniger wird (GEMA sei Dank), und gleichfalls sich Menschen bspw. über Youtube ihre Musik besorgen. Vgl.: http://www.miz.org/intern/uploads/statistik98.pdf (zuletzt aufgerufen am 29.01.14)
[5] Siehe dazu die Frankfurter Anthropologie des Medialen (Auswahl):
Faßler, M. (2005). Erdachte Welten. Die mediale Evolution globaler Kulturen. Wien, New York: Springer.
Ders. (2008). Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. München: Fink-Verlag.
Ders. (2012). Kampf der Habitate. Neuerfindung des Lebens im 21.Jahrhundert. Wien, New York: Springer.
Ders. (2004). Kulturanthropologie des Medialen. Anthropolitan , 10/2004: 5-17.
[6] Es geht dabei nicht darum, dass Chöre nur noch als Projekt existent sein sollen, bspw. wie es dies bereits gibt, als Projektchor zur Aufführung von einem Stück von Händel oder dergleichen. Es geht darum, dass das Projekt nicht mehr dem Verein oder der Kirche zugehörig ist, sondern nur dem Singen und dessen veränderter Organisation.
[7] Der Begriff Selbsttechnik meint hier: Menschen haben das Projekt als Form von Organisation selbst geschaffen und erzeugt (nicht: ex nihil), und benutzen diese, um sich selbst zu verändern. Diese Form von Organisation steht im Kontrast zu Gesellschaft, die sich klassisch logisch nicht durch Veränderung, sondern durch Erhalt auszeichnet.
[8] In der Anthropologie wird dieser Umstand bspw. in den Science and Technologie Studies mit dem Begriff enactment bezeichnet. Er trägt genau diesem Umstand Rechnung, Wechselverhältnisse des Wissens und der Technik durch Vermittlung zu bestätigen, zu aktivieren und zu realisieren. Vgl.: Beck, S., Niewöhner, J., & Sorensen, E. (2012): Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld: transcript Verlag.
[9] Ich halte dafür die funktionale Stimmentwicklung von Cornelius L. Reid für basal. Sie ermöglicht es anhand der stimmlichen Physionomie das Spektrum der sängerischen Möglichkeiten auszutarieren und „das was gut ist zu fördern“ und den Singenden ebenfalls Handlunsgoptionen an die Hand zu geben, um Schwächen der Stimme funktional, d.h. anhand der vorhandenen Struktur von Stimme (biologisch), zu regeln. Für den Bereich der Popmusik ist die Complete Vocal Technique (CVT) von C. Sadolin maßgeblich.
[10] Ich selbst habe dies in meinem Chor genauso umgesetzt und biete neben der Chormoderation den Solo-Gesangsunterricht als business as usual an. Der mir oft begegneten Kritik, dass Menschen nur „singen lernen“ würden, wenn der Unterricht dazu dauerhaft und regelmäßig und unter ständiger Aufsicht geschehen dürfe, muss ich meine Erfahrung  entgegensetzen: Auch wenn die Singenden nur alle zwei Monate 45 Minuten Unterricht erhalten, beweisen sich die Fortschritte der Gesangstechniken als fundamental. Getreu dem Topos des Ermöglichens von Singtechniken, ist es wirklich nicht zu unterschätzen, wie es Menschen immer wieder gelingt, auch langfristig zu lernen: Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, die Techniken mit ihren Erfahrungen in Verbindung zu bringen.
[11] Natürlich müssen wir hier Abstriche machen: Eine Kantorei wird dieser Idee nicht folgen können. Ich gehe aber in meinen Ausführungen wie oben genannt sowieso nicht von Container-Chören aus (formal betrachtet), sondern von Projektchören. Was mit Container-Chören passieren wird, wird sich im Laufe der Zeit erweisen.
[12] Wie oft habe ich schon von Zuhörern gehört, dass Auftritte von Chören einfach langweilig gewesen seien, und mich um die viele Probenarbeit geärgert, die es kostete das Stück aufführfähig zu machen. Wenn die Singenden keine Erfahrungen mit der Musik verbinden können (abseits der Erfahrungen in den Proben), bleibt die Musik nicht-authentisch.
[13] Bspw.: Wann wurde wo welche Musik gehört? Im Radio, TV, durch den MP3-Player, etc. Das manchmal unauffällige Summen von Mitmenschen in der U-Bahn, das Rauschen von Musik in Geschäften, etc.
[14] Ich sollte hier erwähnen, dass der Umstand einer anonymen Großstadt dem natürlich eher zuträglich ist als eine Kleinstadt. In einem anonymen Kontext fällt es erfahrungsgemäß den Menschen leichter, sich zu einer neuen Gruppe von Menschen zu gesellen. Sofern ein authentisch arbeitender Chor in einer Kleinstadt oder auf einem Dorf keinen Zulauf erfährt, muss auch in Ratlosigkeit zeigen. Ich wüsste gegenwärtig nicht, wie man diese Problem lösen könnte, würde mir allerdings die dreiste und sehr provokative Frage erlauben, ob es denn notwendig ist, dieses Problem zu lösen. Damit will ich nicht sagen, dass Singen auf dem Dorf zum Scheitern verurteilt ist. Wenn allerdings dieser hier vorgelegte Katalog zur Moderation nicht funktioniert (sofern man ihn denn gescheit umsetzt), muss die Frage erlaubt sein, ob denn überhaupt ein Bedarf von Chor besteht. Diese Frage muss sich in jedem Kontext stellen lassen. So ist es bspw. gleichfalls hilfreich, wenn alle Singenden in einem Chor – egal in welchem Kontext – sich ständig die Frage stellen: Was tue ich hier eigentlich?
[15] Mit dem Begriff des Chormoderators erwarte ich nicht, dass dieser Begriff ersetzend in Zukunft verwendet wird, sondern er als alternative Definition des Chorleiters verstanden wird.