Freitag, 31. Januar 2014

Wie homoerotisch sind Eure Klassiker?


Vorneweg eine Liste von Komponisten, die ich erst einmal nicht weiter kommentieren möchte:
Jean-Baptiste Lully
Georg Friedrich Händel
Wolfgang Amadeus Mozart
Ludwig van Beethoven
Franz Schubert
Camille Saint-Saens
Peter Iljitsch Tschaikowski
Richard Wagner
Anton Bruckner
Carol Szymanovsky
Gustav Mahler 

Und damit das nicht so unmodern aussieht, noch ein paar weitere Namen aus dem letzten Jahrhundert hinterher:
Aaron Copland
Peter Maxwell Davies
Henry Cowell
Benjamin Britten
Hans Werner Henze
Claude Vivier
Leonard Bernstein
John Cage

Also noch einmal: Wie homoerotisch waren diese und andere Komponisten? Mit dieser Frage will ich - passend zu Franz Schuberts Geburtstag - ein wenig den doch sehr normativen, normierten und normierenden Musikbetrieb aufmischen und die Vereinnahmung von Künstlern und Werk durch religiös, konservativ (regressiv) oder antihumanistisch gefärbte Politik kritisch hinterfragen. Eines der letzten Beispiele ist Russland (Anti-Homo-Propaganda-Gesetze etc.) und der Versuch Tschaikowkis Sexualität auszublenden bzw. zu retuschieren oder noch aktueller eine Diskussion über Lehrinhalte in den Schulen Baden-Würtembergs. Ähnliches haben wir in anderem Zusammenhang schon einmal erlebt. Tunten-Bashing hat sozusagen Tradition: ob nun Heine gegen Platen oder Adorno und Horkheimer gegen Golo Mann. Beispiele dafür, wie im kuturellen Wettbewerb um die Futtertröge und den besten Platz an den Zitzen der Wollmilchsau mit allen Mittel gekämpft wird, gibt es zuhauf.
Mich interessiert gar nicht, ob Musik schwul klingt (was ich bezweifle) oder ob die homoerotischen Neigungen mancher Komponisten und Künstler relevant für ihr Schaffen ist oder war (was möglich ist, aber vermutlich nicht erschöpfend). Auch will ich hier keine Homo-Propaganda nach dem Motto "um so schwuler der Künstler um so hübscher und besser die Kunstwerke" oder "die einzige und wahre Kunst wurde von Schwulen gemacht und erfunden" verbreiten. Und eine kommerzielle Ausbeutung à la Bertelsmann halte ich für höchst fragwürdig. Die Frage zielt auf den gesellschaftlichen Wahrnehmungskontext: Lebensdetails, -ereignisse und -situationen werden ausgespart, beschönigt,  retuschiert oder dreist Als-Dienst-an-der-Kunst bezeichnet. Diese heteronormative Vereinnahmung ist es, was mir aufstößt! Wenn man nichts über die private Seite eines Künstlers wissen will oder weiß, ist das heutzutage eine Wahl, die man treffen kann. Aber man kann dann noch lange nicht davon ausgehen, dass jeder einer Heteronormativität entspricht, die es so sowieso gar nicht gibt.
Gleichfalls reflektiere ich hier auf das seltsame Verhalten einiger Kollegen (Musiker und Komponisten): Ratschläge à la "es wäre besser für die Karriere, wenn man sich heterosexuell orientiert", kumpelhafte Witze nach Altherrenmanier, nicht ernstgemeinte Beleidigungen oder eben auch das immer wieder gehörte Wir-haben-nichts-gegen-Homosexuelle-Gelaber oder wir wissen Bescheid (die Liste ließe sich fortsetzen).
Das Ganze ist auch Teil eines größeren Komplexes: Sexismus. Und der zieht sich durch die Musikgeschichte wie Syphillis durch die Menschheitsgeschichte. Frauen durften nicht musizieren oder bestimmte Instrumente spielen, hatten Auftrittsverbot in der Öffentlichkeit. Ihnen wurde die Fähigkeit zu komponieren abgesprochen oder ihr Drang zum Musik machen wurde einfach unterdrückt; ganz aktuell: Frauen werden nicht in Orchester eingestellt trotz höchster Qualifikationen und Fähigkeiten (aber mit Frauen kann Mann halt nicht so schön nach der Mugge saufen gehen) etc. Jetzt mag die Frage kommen was hat Homophobie mit Frauen bzw. Sexismus zu tun? Sehr viel! Denn die Ungleichbehandlung von Frauen hat mit sexueller Normierung zu tun und diese lineare Denkstruktur  geht konsequent auch gegen nicht-normgerechte Sexualität wie Homosexualität vor. Dahinter steckt die patriarchale Angst und Paranoia, dass Homosexuelle (heterosexuelle) Männer wie Frauen behandeln könnten und damit mit Frauen gleichstellen, aber eben nicht in einem positiven Sinn. Bildlich gesprochen: Ein Mann könnte sie (die Männer) begehren und vergewaltigen oder sonst wie eine Fraue oder ein Mädchen behandeln. Bei vielen mag auch eine restriktive und unausgelebte Sexualität dahinter stecken, die den anderen nicht gönnen mag, was man sich selber versagt: Dieser Mechanismus ist bekannt. Ein weiteres Beispiel ist die Diskriminierung von Männern aber auch Frauen, die einer wie auch immer gearteten heterosexuellen Kleidungs- und Erscheinungsnorm nicht gerecht werden, unabhängig davon, ob diese nun hetero-, homo- oder bisexuell sind.
Es geht mir hier gar nicht darum, irgendwelche Sonderrechte für Minderheiten einzufordern. Auch wenn das einigen Gut- und Bessermenschen weh tut: Arschlöcher gibt es überall und Minderheiten sind davon nicht ausgenommen. Also worum geht es? Es geht darum, auf gleichen Rechten für alle Menschen zu bestehen. Dazu gehört, das wir bestimmte lineare Groß-Erzählstrukturen in Frage stellen und aus einem allgemeingültigen oder wie auch immer verhandelten Konsens ausscheiden. Was eben auch dazu führen muss, dass im Musikbetrieb, in der Musikforschung und in der Rezeption diese linearen Denkkonzepte wegfallen müssen, damit wir endlich Menschen ganz als menschliche Wesen verstehen können. Denn der Mensch hat viele Facetten und ein Schwarz-Weiß-Bild wird dem nicht gerecht. In diesem Zusammenhang kann ich auch einer wie auch immer gearteten Debatte über den abwesenden oder überholten Menschen im Zusammenhang mit dem Trans- oder Posthumanismus nicht folgen: Das klingt mir doch zu sehr nach Science Fiction mit der Betonung auf Fiction. Noch sehe ich keinen von beiden realisiert oder auch nur ansatzweise in Erscheinung tretend, also was bleibt ist Humanismus.
Hier nun auch der Verweis auf den allseits so unbeliebten Kinsey-Report (Nachweis s.u.), der (zu seiner Zeit revolutionär und nach wie vor hoch aktuell) gezeigt hat, dass eine Unterteilung in einfach nur hetero- oder homosexuell kaum haltbar ist und eher ein Kontinuum verschiedener Grade von Bisexualität unter Menschen (bis zu 95%) verbreitet und daher wohl normal ist. Ich ziehe daraus auch die Schlussfolgerung, dass das ein repräsentatives Ergebnis ist, welches sich auch auf andere Epochen und Geschichtsabschnitte anwenden lässt. Denn laut Kinsey, der ein Verhaltensforscher aus dem Bereich der Biologie war, ist Asexualität eher die Ausnahme. Also können wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen in irgendeiner Form ihrer (Bi-)Sexualität, wie auch immer diese ausgesehen haben mag, nachgegangen sind.
Unterm Strich bleibt: Humanismus und als ein Teil davon vorurteilsfreie Akzeptanz von Sexualität, aber auch Geschlecht. Das bedeutet auch, dass ich mich gegen den typischen Diskurs der gender studies absetze: Hier wird immer mehr in Unterscheidungen differenziert und eben die Gemeinsamkeiten darüber vergessen oder gänzlich unsichtbar gemacht, als Beispiel möge hier die Diskussion genügen, ob wir neben den Toiletten für Männern und Frauen auch noch Toiletten für Trans- oder Intersexuelle Menschen einrichten sollen, was ja die Verschiedenheit, Getrenntheit  und Ungleichheit vertieft. Im Gegenteil wäre meine Empfehlung hier: Keine Sonderrechte sondern eine Unisex-Toilette für alle und damit eine Veränderung von gegenseitigem Umgang, also statt eine materiellen Ersatz-Lösung eine Lösung im Denken.
Solange wir aber diese vorurteilsfrei Akzeptanz von menschlichem Verhalten nicht erreicht haben, müssen Minoritäten aggressiv auftreten, sich politisch Gehör verschaffen, auf die Strassen gehen, den anderen die Perversität ihres Denken und Handelns aufzeigen und Sichtbarkeit schaffen. Deswegen muss ich auch die Frage nach der Homoerotik in der Kunst stellen, ich muß die patriarchalen und sonstige Hierarchien angreifen und in Frage stellen, auch wenn es peinlich, unangenehm oder störend ist. Denn irgendwann sollte das eben nicht mehr peinlich, unangenehm oder störend sein! Und ganz bestimmt geht es mir auch nicht um eine Form von Politischer Korrektheit, das ist nur ein Verstecken hinter Worthülsen und Phrasen! Ich will als Mensch akzeptiert werden, ohne wenn und aber!




Happy Birthday Franz Schubert!




NB. Wenn jemand Fragen zu den beiden Listen (s.o.) hat, kann ich die gerne noch kommentieren, ansonsten lassen sich die meisten Komponisten im Internet finden und z.T. gibt es da auch Informationen zu ihrer Sexualität.

Zum Kinsey-Report siehe:
Alfred Charles Kinsey: Sexual Behavior in the Human Male (1948; deutsch: Das sexuelle Verhalten des Mannes, 1955) 
Alfred Charles Kinsey: Sexual Behavior in the Human Female (14. September 1953; deutsch: Das sexuelle Verhalten der Frau, 1954).
Erwin J. Haeberle: Bisexualitäten - Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems, erschienen in: E. J. Haeberle und R. Gindorf: Bisexualitäten - Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 1–39

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