Donnerstag, 18. Februar 2016

Lehmanns Gehaltsästhetik - eine (erste) Polemik



Niemand muss das hier lesen - niemand muss darauf reagieren. Ich muss es loswerden: Es ist eine Polemik. Eine erste Polemik, nach der Vorstellung des Buches in Berlin, und dem Anlesen der ersten 100 Seiten.

Am 11.02. lud die Galerie Nemstov und Nemtsov zu einem Gespräch und Vortrag mit Harry Lehmann und der Präsentation seines neuen Buchs „Gehaltsästhetik“ ein. Ich folgte der Einladung und war gespannt auf den Abend. Sein Buch habe ich erst bis ca. Seite 110 gelesen – Zusammen mit dem Abend ist die Enttäuschung allerdings jetzt schon vorprogrammiert. Lehmann arbeitet unreflektiert verschiedene Begriffe und Konzepte ab um einen Paradigmenwandel herbeizuführen. Inwiefern das Vorgehen von Lehmann (nicht das Konzept selbst!) mehr als fraglich ist, folgt hier:


1) Nicht-normativ:

Die Mär von einer nicht-normativen Theorie: Wie sollte man nach dem gesamten Konstruktivismus etwas Nicht-Normatives machen können? Wie kann man dabei immer noch behaupten, dass es ein konstruktivistisches Projekt sei? Lehmann behauptet am Abend des Gesprächs, er habe eine nicht-normative Theorie geschaffen, die bei Feststellung der Richtigkeit große normative Auswirkungen haben könne. Zunächst könnte man sich schon allein daran reiben, dass mir ein Philosoph bitte erklären möge, woran man die „Richtigkeit“ seiner „Theorie“ denn feststellen oder gar beweisen möge: Woran misst man denn den Realitätsgehalt einer philosophischen Theorie? Hierzu kommt von Lehmann kein Hinweis – er bemüht sich um das Finden von Beispielen, die seine Theorie stützen mögen (was sich allerdings bereits in der Diskussion als schwierig erweist). Und als man sich bereits echauffieren will, stößt Lehmann diesen Satz heraus:
„Die Kunstphilosophie ist der Weg; die Gehaltsästhetik das Ziel.“ 
Ich möchte am liebsten hinter diese beiden Aussagen – „nicht-normativ“ und Programmtheorie – eigentlich tausend Ausrufezeichen setzen, um auf den eigentlich offensichtlichen Widerspruch aufmerksam zu machen. Denn diese Setzung mit einem theoretischen Entwurf einen Begriff möglichst irritationsfrei herleiten zu können, ist nichts anderes als ein normatives Programm: Wo ist der Forschungsstand, der irritiert und Begriffe anknüpfbar macht? Wo ist die methodologisch-epistemologische Begründung zu einer Gehaltsästhetik zu finden? In seinem Buch und der sehr umfangreichen Einleitung von 2 Seiten, finden wir dazu folgende Aussage: 

„Die Postmoderne war ein Verlegenheitsbegriff, der besagte, dass eine Epoche zu Ende gegangen war, ohne dass man sich vorstellen konnte, was ihr folgte. Heute sieht man, dass die Geschichte weiter ihren Lauf nimmt und das vielbeschworene Ende der großen Erzählungen selbst eine große Erzählung war.“ (S.7) 

„Heute sieht man“ – als wäre klar, dass die normative Perspektive, die auf den folgenden 200 Seiten ausgearbeitet wird, nicht Lehmanns Idee, sondern allgemeiner Konsens sei. Er scheint ja nichts damit zu tun zu haben, wenn „man das sieht“, und er zufällig dazu einen Programmentwurf mache. „Heute sieht er“, will man entgegenrufen, „Lehmann sieht und Lehmann schreibt“ – sonst nichts. Das grobkörnige Unverständnis Lehmanns für die Postmoderne, die er für einen Verlegenheitsbegriff hält (Derrida, Foucault, Deleuze, Guattari, Haraway zum Trotz), und damit deren Realität abspricht, ist kaum zu ertragen. Genau aus diesem Unverständnis heraus ist es allerdings wiederrum verständlich, dass Lehmann aus der Postmoderne wenig gelernt hat: Nach dem Motto "Theorien können nicht-normativ sein, und man kann damit einen Paradigmenwechsel herbeiführen."

Diese Dinge wurden tausendfach in der Wissenschaftstheorie und den Science and Technology Studies durch diskutiert (Beck et al. 2012; Ludwig Fleck 1929; Ludwik Fleck 1980; Merton 1973) – Lehmann verweigert sich Forschungsständen, und der Erkenntnisse, die daraus resultieren. Es ist kein „vielbeschworenes Ende großer Erzählungen“, sondern es ist ein Ende: Fakt ist nunmal, dass seit Luhmann und Giddens keine Sozialtheorie mehr produziert wurde, die eine weitere Großerzählung ermöglichen würde! Wer kann mit Foucault im Rücken denn noch überhaupt behaupten eine Theorie entwerfen zu können? Oder Guattari und Deleuze, die aufgrund der Unmöglichkeit eine große Erzählung schreiben zu können, sogar die Form ihrer Texte geändert haben (Deleuze & Guattari 1992). Was uns die Postmoderne doch gezeigt hat, ist, dass die bisherigen „großen Erzählungen“ fast immer zu Diskriminierung, Unrecht, Ungleichheitsverhältnissen geführt haben: Sei es „der Westen“, „der Mann“, „die heterosexuelle Gesellschaft“, „Europa“, „die Industriekultur“ – alle diese Dinge werden unter einem riesigen Aufwand seit Jahrzehnten vollkommen zu Recht dekonstruiert (Conrad & Randeria 2002; Said 1985; Weimann 1997). Edward Said war und ist der berühmteste „Großerzählungsbrecher“ mit seinem Buch „der Orient“. Oder man nehme die Rolle der Frauen in der Komposition: Das Archiv Frau und Musik (http://www.archiv-frau-musik.de/cms/) bemüht sich in Deutschland beispielhaft darum (Marshall 1993). 

Das alles interessiert Lehmann allerdings wenig – mit dem oben zitierten Satz der Einleitung nimmt er sich selbst aus der Theorieproduktion raus und versucht sie nicht-normativ zu machen, und damit die gesamte Postmoderne, ihre Arbeiten, ihre Erkenntnisse und ihre Realitäten als „bloße Erzählung“ und „Verlegenheitsbegriff“ zu deklarieren.


      2) Theorie:

Man wünscht sich eine Einleitung in dem Buch, die wenigstens versucht zu erklären, was die (1) Methodologie, (2) Epistemologie und (3) Phänomenologie dieser Arbeit ist (wenigstens eins davon) – von einem Forschungsstand wenigstens aus „seiner“ Disziplin der Philosophie ganz zu schweigen. Einen Forschungsstand, der erklärt, welche Begriffe er warum für untauglich hält, und welche er warum für wandelbar hält, und welche er warum für produktiv hält. Das scheint allerdings einen Lehmann ebenfalls nicht zu erschüttern: Es wird sogleich ein Entwurf einer gesamten Ästhetik-Theorie geliefert. Ich gebe mal ein Beispiel:

Lehmann baut seine Theorie auf einer Wahrnehmungsästhetik auf, die er allerdings neuro-psychologisch zusammensetzt. Um den Begriff der „Erfahrung“ für ihn analytisch fruchtbar zu machen, bringt Lehmann plötzlich („plötzlich“, da er nicht erklärt warum er diesen Forschungsstand einbezieht) die Neuropsychologie am Beispiel einer Katze, die jagt, und dabei lernen kann, ins Spiel: 

„Seit über einem Jahrhundert wird die Lernfähigkeit von Tieren als Teildisziplin der Psychologie erforscht.“ (S.10) 

Man will Lehmann schon wieder entgegenrufen, wieso er die Wahrnehmungsästhetik (Erfahrung) mit einer Katze herleitet (wo doch Mensch und Tier-Verhältnisse, -Ökologien, -Psychen, und dergleichen im Bereich der animal studies ausdiskutiert werden)? Und wieder versucht Lehmann seine Theorie nicht-normativ und damit zu einer „echten ausgewachsenen Theorie“ zu machen, indem er sich selbst rausstreicht, und die Begründung für den Einbezug der Neuropsychologie der Geschichte überlässt: „Seit (…) wird (…) erforscht.“ Nirgends lässt sich etwas darüber lesen, wie Lehmann dazu kommt die Neuropsychologie einzubeziehen, und wieso er nicht Erfahrungsbegriffe aus „seiner“ Disziplin nimmt: Was ist mit dem amerikanischen Pragmatismus? John Dewey und seinem Buch Experience and Nature? Der darauf aufbauenden Erfahrungsuntersuchungen in der Philosophie, der Soziologie und den empirischen Kulturwissenschaften? Was ist mit der darauf aufbauenden Praxistheorie, angefangen bei Alfred Schütz, über Pierre Bourdieu, bis hin zu Karen Barad (Barad 2007; Bourdieu & Wacquant 1996; Dewey 1958; Schütz 1945, 2013)?

Wiederrum interessiert dies Lehmann alles nicht – wir werden leider nie erfahren, wieso er diese Begriffe, Konzepte und Texte aneinanderreiht: Die Theorie ist ja nicht normativ, daher können wir da wohl keine Meinung und Begründung erwarten. Und da in Lehmanns Verständnis die Norm auch keinen Einfluss auf die Theorie haben dürfte, würde eine Begründung von ihm dazu ja nicht helfen.

Ich will es noch deutlicher machen, worin diese Arbeit methodologisch nicht nur unterernährt, sondern sogar unbedarft ist:

„Ein Schlüsselbegriff der Ästhteik ist der Begriff der ästhetischen Erfahrung. Ein Aspekt hat in den einschlägigen Erfahrungsästhetiken allerdings kaum eine Rolle gespielt: nämlich, dass man „aus Erfahrungen lernen kann.“ (S.9)

Wiederrum müssen wir uns fragen, woher Lehmann diese Erkenntnis gewonnen hat. Lehmann selbst gibt dazu keine Antwort, und auch keinen Hinweis. Dabei können wir bei den genannten Pragmatisten genau diesen Umstand finden:

„We cannot lay hold of the new, we cannot even keep it before our minds, much less understand it, save by the use of ideas and knowledge we already possess. […] But just because the new is new it is not a mere repetition of something already had and mastered. The old takes on new color and meaning in being employed to grasp and interpret the new. The greater the gap, the disparity, between what has become a familiar possession and the traits presented in new subject-matter, the greater is the burden imposed upon reflection; the distance between old and new is the measure of the range and depth of the thought required.” (Dewey, 1958: ix)

John Dewey gibt hier bereits 1958 einen philosophischen Anknüpfungspunkt zu einer Ästhetik, die auf praktischer Erfahrung basiert. Dewey suchen wir allerdings vergeblich in Lehmanns Buch (bisher). Sucht die Kunst und die Musik wirklich immer noch nach der einen Theorie? Oder wenigstens nach einer Theorie? Inwiefern hat das Durchleben der Postmoderne denn überhaupt Sinn gemacht, wenn wir immer noch nach solchen Theorien fragen und versuchen nach ihnen zu greifen? Wir brauchen keine epistemische Bomben, sondern gute Methoden, die zum Beispiel erklären, woher ein bestimmer Ästhetik-Begriff kommt. Von Seiten der Philosophie brauchen wir eine akribische Begriffsarbeit, die – die Erkenntnisse aus der Postmoderne akzeptierend – sich um Methodologie, Epistemologie und Phänomenologie sorgt. Wir brauchen philosophische Ansätze, die bei einem „Wie“ ansetzen, an Prozessen, an Herstellungsereignissen, und kein neuer Versuch einer großen Erzählung.


3) Die eigene Postmodernität

Die große Stärke von Lehmanns Arbeit, soweit ich sie rezipiert habe, liegt darin, dass sie kaum festzunageln ist (Danke an M für diese Formulierung): Sie wabert hin und her, und hat viele Punkte, die man bejahen möchte. Wenn Lehmann davon spricht, dass Erfahrung und Wahrnehmung eben auch neuropsychologische Faktoren besitzt (ja!), wenn er davon spricht, dass man aus Erfahrung lernen kann (ja!), wenn er davon spricht, dass es irgendwie so etwas wie einen "Eigenwert" und einen (kulturell zugeschriebenen) "Übertragungswert" von etwas gibt (ja!), wenn er davon spricht, dass es so etwas wie Medienverschachtelungen gibt (ja!).

Das Problem besteht darin, dass das eigene philosophische Arbeiten noch mitten in der Postmoderne steckt: Wäre es ein Stückchen davon rausgehoben (wiederrum: nicht drumherum), dann würde sich das Arbeiten auch mit der eigenen Arbeitsweise selbst beschäftigen. Dann gäbe es zu Beginn des Buches erst einmal 100 Seiten, die das eigene Tun reflektieren und positionieren, die es methodologisch unterfüttern. Stattdessen bekommen wir viele kluge Gedanken, die leider einfach aneinander gereiht werden:

"Durch die besondere Verbindung von Kunst und Technik kommt es in der europäischen Kunst zu einer starken Verschachtelung von Wahrnehmungsmedien, welche die ästhetische Erfahrung des Schönen am Kunstwerk wahrscheinlicher macht und präpariert." (S. 107)

Ja und nochmals ja! Mag sein, dass es diesen Gedankengang in dem Diskurs der Ästhetik noch nicht gab, mag sein, dass dies ein Gedankengang ist, der den Diskurs weiterführt. Was ich mir von einer Theorie erwarten würde, welche die Postmoderne irgendwie ablösen will, wäre auch nichtpostmodernes Arbeiten - Lehmanns Arbeit bleibt aber ein unreflektiertes Aneinanderreihen.

Eine Kunst- oder Musikphilosophie, welche die Postmoderne als Forschungsstand akzeptiert, müsste zum Beispiel Sexualität, Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit (Schäfer 2013, Marshall 1993), Räumlichkeit, Kontextualisierungen (im strukturalen Sinne (Piaget 1968), im strukturierenden Sinne (Giddens 1984), im strukturlosen Sinne (Latour 2005)) einbauen. Wir brauchen an Realität anknüpfbare theoretische Überlegungen, die das Komponieren auch anhand des Komponierenden erklären, und kein Herbeieifern von einem angeblichen Paradigmenwechsel.


4) erstes (polemisches) Fazit

Man kann lange darüber streiten, ob das Konzept Gehaltsästhetik denn Sinn macht, auf welche Beispiele es sich übertragen lässt, und worauf nicht. Das von mir angesprochene Problem besteht darin, dass die Herleitung dieses Konzepts, und die Voraussetzungen dazu im Sinne einer wissenschaftlichen Handwerklichkeit mehr als dürftig sind.
Man kann Lehmann in vielen Punkten zustimmen und ihm Recht geben. Man kann sich vieles daraus ziehen und damit weiterarbeiten - bisher ist die "Theorie" aber nur ein Flickenteppich, der um viele Forschungsstände drum herum redet, sie vermeidet, und Begriffe nicht akribisch genug ausdefiniert.



Barad, K., 2007: Meeting the Universe Halfway. Quantum physics and the entanglement of matter and meaning. Durham, London: Duke University Press.
Beck, S., J. Niewöhner & E. Sørensen, 2012: Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld: transcript.
Bourdieu, P. & L.J.D. Wacquant, 1996: Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Conrad, S. & S. Randeria (Hrsg.), 2002: Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt/New York: Campus.
Deleuze, G. & F. Guattari, 1992: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophreni. Berlin: Merve.
Dewey, J., 1958: Experience and Nature. New York: Dover.
Fleck, L., 1929: Zur Krise der „Wirklichkeit“. Die Naturwissenschaften 17: 425–430.
Fleck, L., 1980: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. (L. Schäfer & T. Schnelle, Hrsg.). Frankfurt am Main: suhrkamp.
Giddens, A., 1984: Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus.
Latour, B., 2005: Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. (O. U. Press, Hrsg.). New York.
Lehmann, H., 2016: Gehaltsästhetik. Eine Kunstphilosophie. Paderborn: Fink.
Marshall, K., 1993: Rediscovering the Muses: Women’s Musical Traditions. Northeastern University Press.
Merton, R.K., 1973: The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. . Chicago, London: University of Chicago Press.
Piaget, J., 1968: Der Strukturalismus. Olten: Walter.
Said, E.W., 1985: Orientalism reconsidered. Race & Class 27: 1–15.
Schäfer, H., 2013: Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
Schütz, A., 1945: On Multiple Realities. Philosophy and Phenomenological Research 5: 533–576.
Schütz, A., 2013: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt am Main: Springer.
Weimann, R. (Hrsg.), 1997: Ränder der Moderne. Repräsentation und Alterität im (post)kolonialen Diskurs. Frankfurt am Main: suhrkamp.