Donnerstag, 18. Februar 2016

Lehmanns Gehaltsästhetik - eine (erste) Polemik



Niemand muss das hier lesen - niemand muss darauf reagieren. Ich muss es loswerden: Es ist eine Polemik. Eine erste Polemik, nach der Vorstellung des Buches in Berlin, und dem Anlesen der ersten 100 Seiten.

Am 11.02. lud die Galerie Nemstov und Nemtsov zu einem Gespräch und Vortrag mit Harry Lehmann und der Präsentation seines neuen Buchs „Gehaltsästhetik“ ein. Ich folgte der Einladung und war gespannt auf den Abend. Sein Buch habe ich erst bis ca. Seite 110 gelesen – Zusammen mit dem Abend ist die Enttäuschung allerdings jetzt schon vorprogrammiert. Lehmann arbeitet unreflektiert verschiedene Begriffe und Konzepte ab um einen Paradigmenwandel herbeizuführen. Inwiefern das Vorgehen von Lehmann (nicht das Konzept selbst!) mehr als fraglich ist, folgt hier:


1) Nicht-normativ:

Die Mär von einer nicht-normativen Theorie: Wie sollte man nach dem gesamten Konstruktivismus etwas Nicht-Normatives machen können? Wie kann man dabei immer noch behaupten, dass es ein konstruktivistisches Projekt sei? Lehmann behauptet am Abend des Gesprächs, er habe eine nicht-normative Theorie geschaffen, die bei Feststellung der Richtigkeit große normative Auswirkungen haben könne. Zunächst könnte man sich schon allein daran reiben, dass mir ein Philosoph bitte erklären möge, woran man die „Richtigkeit“ seiner „Theorie“ denn feststellen oder gar beweisen möge: Woran misst man denn den Realitätsgehalt einer philosophischen Theorie? Hierzu kommt von Lehmann kein Hinweis – er bemüht sich um das Finden von Beispielen, die seine Theorie stützen mögen (was sich allerdings bereits in der Diskussion als schwierig erweist). Und als man sich bereits echauffieren will, stößt Lehmann diesen Satz heraus:
„Die Kunstphilosophie ist der Weg; die Gehaltsästhetik das Ziel.“ 
Ich möchte am liebsten hinter diese beiden Aussagen – „nicht-normativ“ und Programmtheorie – eigentlich tausend Ausrufezeichen setzen, um auf den eigentlich offensichtlichen Widerspruch aufmerksam zu machen. Denn diese Setzung mit einem theoretischen Entwurf einen Begriff möglichst irritationsfrei herleiten zu können, ist nichts anderes als ein normatives Programm: Wo ist der Forschungsstand, der irritiert und Begriffe anknüpfbar macht? Wo ist die methodologisch-epistemologische Begründung zu einer Gehaltsästhetik zu finden? In seinem Buch und der sehr umfangreichen Einleitung von 2 Seiten, finden wir dazu folgende Aussage: 

„Die Postmoderne war ein Verlegenheitsbegriff, der besagte, dass eine Epoche zu Ende gegangen war, ohne dass man sich vorstellen konnte, was ihr folgte. Heute sieht man, dass die Geschichte weiter ihren Lauf nimmt und das vielbeschworene Ende der großen Erzählungen selbst eine große Erzählung war.“ (S.7) 

„Heute sieht man“ – als wäre klar, dass die normative Perspektive, die auf den folgenden 200 Seiten ausgearbeitet wird, nicht Lehmanns Idee, sondern allgemeiner Konsens sei. Er scheint ja nichts damit zu tun zu haben, wenn „man das sieht“, und er zufällig dazu einen Programmentwurf mache. „Heute sieht er“, will man entgegenrufen, „Lehmann sieht und Lehmann schreibt“ – sonst nichts. Das grobkörnige Unverständnis Lehmanns für die Postmoderne, die er für einen Verlegenheitsbegriff hält (Derrida, Foucault, Deleuze, Guattari, Haraway zum Trotz), und damit deren Realität abspricht, ist kaum zu ertragen. Genau aus diesem Unverständnis heraus ist es allerdings wiederrum verständlich, dass Lehmann aus der Postmoderne wenig gelernt hat: Nach dem Motto "Theorien können nicht-normativ sein, und man kann damit einen Paradigmenwechsel herbeiführen."

Diese Dinge wurden tausendfach in der Wissenschaftstheorie und den Science and Technology Studies durch diskutiert (Beck et al. 2012; Ludwig Fleck 1929; Ludwik Fleck 1980; Merton 1973) – Lehmann verweigert sich Forschungsständen, und der Erkenntnisse, die daraus resultieren. Es ist kein „vielbeschworenes Ende großer Erzählungen“, sondern es ist ein Ende: Fakt ist nunmal, dass seit Luhmann und Giddens keine Sozialtheorie mehr produziert wurde, die eine weitere Großerzählung ermöglichen würde! Wer kann mit Foucault im Rücken denn noch überhaupt behaupten eine Theorie entwerfen zu können? Oder Guattari und Deleuze, die aufgrund der Unmöglichkeit eine große Erzählung schreiben zu können, sogar die Form ihrer Texte geändert haben (Deleuze & Guattari 1992). Was uns die Postmoderne doch gezeigt hat, ist, dass die bisherigen „großen Erzählungen“ fast immer zu Diskriminierung, Unrecht, Ungleichheitsverhältnissen geführt haben: Sei es „der Westen“, „der Mann“, „die heterosexuelle Gesellschaft“, „Europa“, „die Industriekultur“ – alle diese Dinge werden unter einem riesigen Aufwand seit Jahrzehnten vollkommen zu Recht dekonstruiert (Conrad & Randeria 2002; Said 1985; Weimann 1997). Edward Said war und ist der berühmteste „Großerzählungsbrecher“ mit seinem Buch „der Orient“. Oder man nehme die Rolle der Frauen in der Komposition: Das Archiv Frau und Musik (http://www.archiv-frau-musik.de/cms/) bemüht sich in Deutschland beispielhaft darum (Marshall 1993). 

Das alles interessiert Lehmann allerdings wenig – mit dem oben zitierten Satz der Einleitung nimmt er sich selbst aus der Theorieproduktion raus und versucht sie nicht-normativ zu machen, und damit die gesamte Postmoderne, ihre Arbeiten, ihre Erkenntnisse und ihre Realitäten als „bloße Erzählung“ und „Verlegenheitsbegriff“ zu deklarieren.


      2) Theorie:

Man wünscht sich eine Einleitung in dem Buch, die wenigstens versucht zu erklären, was die (1) Methodologie, (2) Epistemologie und (3) Phänomenologie dieser Arbeit ist (wenigstens eins davon) – von einem Forschungsstand wenigstens aus „seiner“ Disziplin der Philosophie ganz zu schweigen. Einen Forschungsstand, der erklärt, welche Begriffe er warum für untauglich hält, und welche er warum für wandelbar hält, und welche er warum für produktiv hält. Das scheint allerdings einen Lehmann ebenfalls nicht zu erschüttern: Es wird sogleich ein Entwurf einer gesamten Ästhetik-Theorie geliefert. Ich gebe mal ein Beispiel:

Lehmann baut seine Theorie auf einer Wahrnehmungsästhetik auf, die er allerdings neuro-psychologisch zusammensetzt. Um den Begriff der „Erfahrung“ für ihn analytisch fruchtbar zu machen, bringt Lehmann plötzlich („plötzlich“, da er nicht erklärt warum er diesen Forschungsstand einbezieht) die Neuropsychologie am Beispiel einer Katze, die jagt, und dabei lernen kann, ins Spiel: 

„Seit über einem Jahrhundert wird die Lernfähigkeit von Tieren als Teildisziplin der Psychologie erforscht.“ (S.10) 

Man will Lehmann schon wieder entgegenrufen, wieso er die Wahrnehmungsästhetik (Erfahrung) mit einer Katze herleitet (wo doch Mensch und Tier-Verhältnisse, -Ökologien, -Psychen, und dergleichen im Bereich der animal studies ausdiskutiert werden)? Und wieder versucht Lehmann seine Theorie nicht-normativ und damit zu einer „echten ausgewachsenen Theorie“ zu machen, indem er sich selbst rausstreicht, und die Begründung für den Einbezug der Neuropsychologie der Geschichte überlässt: „Seit (…) wird (…) erforscht.“ Nirgends lässt sich etwas darüber lesen, wie Lehmann dazu kommt die Neuropsychologie einzubeziehen, und wieso er nicht Erfahrungsbegriffe aus „seiner“ Disziplin nimmt: Was ist mit dem amerikanischen Pragmatismus? John Dewey und seinem Buch Experience and Nature? Der darauf aufbauenden Erfahrungsuntersuchungen in der Philosophie, der Soziologie und den empirischen Kulturwissenschaften? Was ist mit der darauf aufbauenden Praxistheorie, angefangen bei Alfred Schütz, über Pierre Bourdieu, bis hin zu Karen Barad (Barad 2007; Bourdieu & Wacquant 1996; Dewey 1958; Schütz 1945, 2013)?

Wiederrum interessiert dies Lehmann alles nicht – wir werden leider nie erfahren, wieso er diese Begriffe, Konzepte und Texte aneinanderreiht: Die Theorie ist ja nicht normativ, daher können wir da wohl keine Meinung und Begründung erwarten. Und da in Lehmanns Verständnis die Norm auch keinen Einfluss auf die Theorie haben dürfte, würde eine Begründung von ihm dazu ja nicht helfen.

Ich will es noch deutlicher machen, worin diese Arbeit methodologisch nicht nur unterernährt, sondern sogar unbedarft ist:

„Ein Schlüsselbegriff der Ästhteik ist der Begriff der ästhetischen Erfahrung. Ein Aspekt hat in den einschlägigen Erfahrungsästhetiken allerdings kaum eine Rolle gespielt: nämlich, dass man „aus Erfahrungen lernen kann.“ (S.9)

Wiederrum müssen wir uns fragen, woher Lehmann diese Erkenntnis gewonnen hat. Lehmann selbst gibt dazu keine Antwort, und auch keinen Hinweis. Dabei können wir bei den genannten Pragmatisten genau diesen Umstand finden:

„We cannot lay hold of the new, we cannot even keep it before our minds, much less understand it, save by the use of ideas and knowledge we already possess. […] But just because the new is new it is not a mere repetition of something already had and mastered. The old takes on new color and meaning in being employed to grasp and interpret the new. The greater the gap, the disparity, between what has become a familiar possession and the traits presented in new subject-matter, the greater is the burden imposed upon reflection; the distance between old and new is the measure of the range and depth of the thought required.” (Dewey, 1958: ix)

John Dewey gibt hier bereits 1958 einen philosophischen Anknüpfungspunkt zu einer Ästhetik, die auf praktischer Erfahrung basiert. Dewey suchen wir allerdings vergeblich in Lehmanns Buch (bisher). Sucht die Kunst und die Musik wirklich immer noch nach der einen Theorie? Oder wenigstens nach einer Theorie? Inwiefern hat das Durchleben der Postmoderne denn überhaupt Sinn gemacht, wenn wir immer noch nach solchen Theorien fragen und versuchen nach ihnen zu greifen? Wir brauchen keine epistemische Bomben, sondern gute Methoden, die zum Beispiel erklären, woher ein bestimmer Ästhetik-Begriff kommt. Von Seiten der Philosophie brauchen wir eine akribische Begriffsarbeit, die – die Erkenntnisse aus der Postmoderne akzeptierend – sich um Methodologie, Epistemologie und Phänomenologie sorgt. Wir brauchen philosophische Ansätze, die bei einem „Wie“ ansetzen, an Prozessen, an Herstellungsereignissen, und kein neuer Versuch einer großen Erzählung.


3) Die eigene Postmodernität

Die große Stärke von Lehmanns Arbeit, soweit ich sie rezipiert habe, liegt darin, dass sie kaum festzunageln ist (Danke an M für diese Formulierung): Sie wabert hin und her, und hat viele Punkte, die man bejahen möchte. Wenn Lehmann davon spricht, dass Erfahrung und Wahrnehmung eben auch neuropsychologische Faktoren besitzt (ja!), wenn er davon spricht, dass man aus Erfahrung lernen kann (ja!), wenn er davon spricht, dass es irgendwie so etwas wie einen "Eigenwert" und einen (kulturell zugeschriebenen) "Übertragungswert" von etwas gibt (ja!), wenn er davon spricht, dass es so etwas wie Medienverschachtelungen gibt (ja!).

Das Problem besteht darin, dass das eigene philosophische Arbeiten noch mitten in der Postmoderne steckt: Wäre es ein Stückchen davon rausgehoben (wiederrum: nicht drumherum), dann würde sich das Arbeiten auch mit der eigenen Arbeitsweise selbst beschäftigen. Dann gäbe es zu Beginn des Buches erst einmal 100 Seiten, die das eigene Tun reflektieren und positionieren, die es methodologisch unterfüttern. Stattdessen bekommen wir viele kluge Gedanken, die leider einfach aneinander gereiht werden:

"Durch die besondere Verbindung von Kunst und Technik kommt es in der europäischen Kunst zu einer starken Verschachtelung von Wahrnehmungsmedien, welche die ästhetische Erfahrung des Schönen am Kunstwerk wahrscheinlicher macht und präpariert." (S. 107)

Ja und nochmals ja! Mag sein, dass es diesen Gedankengang in dem Diskurs der Ästhetik noch nicht gab, mag sein, dass dies ein Gedankengang ist, der den Diskurs weiterführt. Was ich mir von einer Theorie erwarten würde, welche die Postmoderne irgendwie ablösen will, wäre auch nichtpostmodernes Arbeiten - Lehmanns Arbeit bleibt aber ein unreflektiertes Aneinanderreihen.

Eine Kunst- oder Musikphilosophie, welche die Postmoderne als Forschungsstand akzeptiert, müsste zum Beispiel Sexualität, Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit (Schäfer 2013, Marshall 1993), Räumlichkeit, Kontextualisierungen (im strukturalen Sinne (Piaget 1968), im strukturierenden Sinne (Giddens 1984), im strukturlosen Sinne (Latour 2005)) einbauen. Wir brauchen an Realität anknüpfbare theoretische Überlegungen, die das Komponieren auch anhand des Komponierenden erklären, und kein Herbeieifern von einem angeblichen Paradigmenwechsel.


4) erstes (polemisches) Fazit

Man kann lange darüber streiten, ob das Konzept Gehaltsästhetik denn Sinn macht, auf welche Beispiele es sich übertragen lässt, und worauf nicht. Das von mir angesprochene Problem besteht darin, dass die Herleitung dieses Konzepts, und die Voraussetzungen dazu im Sinne einer wissenschaftlichen Handwerklichkeit mehr als dürftig sind.
Man kann Lehmann in vielen Punkten zustimmen und ihm Recht geben. Man kann sich vieles daraus ziehen und damit weiterarbeiten - bisher ist die "Theorie" aber nur ein Flickenteppich, der um viele Forschungsstände drum herum redet, sie vermeidet, und Begriffe nicht akribisch genug ausdefiniert.



Barad, K., 2007: Meeting the Universe Halfway. Quantum physics and the entanglement of matter and meaning. Durham, London: Duke University Press.
Beck, S., J. Niewöhner & E. Sørensen, 2012: Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld: transcript.
Bourdieu, P. & L.J.D. Wacquant, 1996: Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Conrad, S. & S. Randeria (Hrsg.), 2002: Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt/New York: Campus.
Deleuze, G. & F. Guattari, 1992: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophreni. Berlin: Merve.
Dewey, J., 1958: Experience and Nature. New York: Dover.
Fleck, L., 1929: Zur Krise der „Wirklichkeit“. Die Naturwissenschaften 17: 425–430.
Fleck, L., 1980: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. (L. Schäfer & T. Schnelle, Hrsg.). Frankfurt am Main: suhrkamp.
Giddens, A., 1984: Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus.
Latour, B., 2005: Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. (O. U. Press, Hrsg.). New York.
Lehmann, H., 2016: Gehaltsästhetik. Eine Kunstphilosophie. Paderborn: Fink.
Marshall, K., 1993: Rediscovering the Muses: Women’s Musical Traditions. Northeastern University Press.
Merton, R.K., 1973: The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. . Chicago, London: University of Chicago Press.
Piaget, J., 1968: Der Strukturalismus. Olten: Walter.
Said, E.W., 1985: Orientalism reconsidered. Race & Class 27: 1–15.
Schäfer, H., 2013: Die Instabilität der Praxis. Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
Schütz, A., 1945: On Multiple Realities. Philosophy and Phenomenological Research 5: 533–576.
Schütz, A., 2013: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt am Main: Springer.
Weimann, R. (Hrsg.), 1997: Ränder der Moderne. Repräsentation und Alterität im (post)kolonialen Diskurs. Frankfurt am Main: suhrkamp.

Kommentare:

  1. @Dennis: Nur, weil Harry Lehmann einen anderen Theoriehintergrund wählt als du und z. B. John Dewey nicht erwähnt, soll sein gesamtes Unterfangen gleich "unreflektiert" und "unbedarft" sein? Könnte man hier den Ball evtl. ein wenig flacher halten? Danke :-)

    Lehmanns Kunstphilosophie versucht - meines Erachtens - die quälende Frage nach der Kontingenz jeglichen Wissens, die die Postmoderne hinterlassen hat, auf konstruktivistische Weise zu beantworten: Eine "autoritative" Kunstphilosophie im Sinne Adornos (oder Gunnar Hindrichs', oder Roger Scrutons) hält er - ganz im Sinne der Postmoderne - für nicht mehr zeitgemäß, ein unabschließbares Verharren in permanent dekonstruierter Zerknirschtheit (Derrida, de Man) allerdings auch nicht. Es bleibt ein dritter Weg: Bedingungen der Möglichkeit einer zeitgenössischen Ästhetik zu finden, die diesen Namen verdient - und diese dann eben auch - horribile dictu - *einfordern*. Nicht mehr - aber auch nicht weniger! - versucht "Gehaltsästhetik".

    Klar mag das vielen sauer aufstoßen, denn wann hat es zum letzten Mal ein Philosoph gewagt, von der Kunst etwas zu *fordern*? Unausgesprochener Konsens der letzten Jahrzehnte war es ja stets, die "Einsichten" der zeitgenössischen Kunst *über* die Denkanstrengungen der zeitgenössischen Philosophie zu stellen (Bazon Brock befand sich im Gefolge von Joseph Beuys, nicht umgekehrt). Das mag für große Teile der Nachkriegszeit auch hochgradig fruchtbar gewesen sein, die Zeiten haben sich aber geändert: Die Ausdrucksmittel der zeitgenössischen Kunst haben sich "zu Tode gesiegt", ihre Omnipräsenz geht nur noch auf die Nerven, bewirkt aber gesellschaftlich nichts mehr (abgesehen von diversen Vermögensverschiebungen diverser Oligarchen und den Selbstbezüglichkeiten des - gähn - Kunstbetriebs).

    Das Dreiste und "Empörende" an Lehmanns Ansatz ist, dass er angesichts dieses Elends schlicht "das Fernrohr umkehrt": Es geht nicht mehr darum, dass orientierungslos gewordene PhilosophInnen bei den DichterInnen und KomponistInnen bescheiden in die Lehre gehen müssen, um sich neu zu (er-)finden, vielmehr tritt hier ein seines Metiers gewisser Philosoph auf, der sich die Freiheit nimmt, die Hervorbringungen der KünstlerInnen einmal *nach eigenen Bedürfnissen* (und das sind ganz gewiss nicht die des Konsumenten!) peinlich genau unter die Lupe zu nehmen. Das postmoderne juste milieu erkennt messerscharf die Regelverletzung und reagiert entsprechend entsetzt: Mein Gott, wie impertinent! Sakrileg! Majestätsbeleidigung! Quel parvenu! etc.

    Ich (als Komponist!) halte das jedoch für ein legitimes und dringend notwendiges Unterfangen, fürchte allerdings, ich stehe mit dieser Meinung mal wieder (wie schon bei der Diskussion um Lehmanns Musikphilosophie vor 4 Jahren) gaaaanz alleine da. Kann natürlich auch daran liegen, dass "Kunst" ganz allgemein immer noch einen höheren soziokulturellen Stellenwert hat als "Philosophie" (außer, diese versteht sich "letztlich" selbst als Kunst, so wie z. B. Derridas Dekonstruktion).

    Es ist m. E. völlig unerheblich, für wie "normativ" Lehmann sein Gedankengebäude selber hält (*natürlich* hält er es zumindest für valide, sonst hätte er kaum publiziert), Fakt ist, dass "Gehaltsästhetik" ein notwendig komplexes, aber nicht künstlich verkomplizierendes und gänzlich unzynisches kunstphilosophisches Sinn-Angebot macht, das sich (im Gegensatz zur pyrrhonischen Skepsis der Postmoderne) aber durchaus falsifizieren lässt.

    Und auf *diese* sorgfältige Falsifizierung jenseits wohlfeiler "Aber-meinen-Lieblingsautor-XY-hat-er-ja-gar-nicht-gelesen"-Polemik freue ich mich schon jetzt :-)

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    1. Lieber Stefan,
      vielen Dank für Dein Kommentar.

      Vor dem Detail allerdings eine grobe Aussage: Es geht mir in meiner Kritik erstens nicht darum den Sinngehalt von Lehmanns Arbeit in Frage zu stellen und damit nicht die Postmoderne irgendwie verteidigen zu wollen (wirklich nicht), und zweitens nicht um einen Theoriehintergrund, sondern um die Kritik an der Methodologie.

      Da kann man jetzt lange Hin und Her schreiben "was Lehmanns Theorie" will – sie macht keine Aussage zur Methodologie (geschweige denn Phänomen oder Episteme) und arbeitet nicht mit Forschungsständen (wie der Postmoderne). Mir erscheint die Idee dahinter, wie C.Demand es sagte, als „sehr honorig“. Aber was nützt mir die Idee?

      Das Empörende an Lehmanns Arbeit ist nicht, dass er „das Fernrohr umkehrt“ – das ist mir grade mal egal, das macht keinen Unterschied, es ist vollkommen unerheblich. Deswegen schreit niemand laut auf. Die Soziologie, die Anthropologie, die Kulturwissenschaften – das machen alle schon seit einer halben Ewigkeit. Weder dreist, noch neu, noch ungewöhnlich. Ich formuliere die Kritik, weil Lehmann Texte und Konzepte aneinanderreiht ohne zu erklären wie und wieso er was macht: 1. wissenschaftlich-handwerklich und 2. normativ. Man könnte ja damit leben, dass Lehmann Programmtheorie macht. Dann soll er das auch so nennen, und nicht behaupten er habe eine normfreie Theorie geschaffen – genau das geht eben nicht.

      Sätze wie diese sind das Problem:

      „Es bleibt ein dritter Weg: Bedingungen der Möglichkeit einer zeitgenössischen Ästhetik zu finden, die diesen Namen verdient - und diese dann eben auch - horribile dictu - *einfordern*. Nicht mehr - aber auch nicht weniger! - versucht "Gehaltsästhetik".“

      Genau gegen solche Sätze habe ich geschrieben:

      „Wir brauchen keine epistemische Bomben, sondern gute Methoden, die zum Beispiel erklären, woher ein bestimmer Ästhetik-Begriff kommt. Von Seiten der Philosophie brauchen wir eine akribische Begriffsarbeit, die – die Erkenntnisse aus der Postmoderne akzeptierend – sich um Methodologie, Epistemologie und Phänomenologie sorgt.“

      Mag sein, dass das nicht durchdringt.

      „Lieblings-Autor-Diskussionen“ können wir uns schenken – darum ging es gar nicht. Die Wissenschaftler, die ich nannte, sollten Forschungsstände verdeutlichen. Ich denke meine Hauptkritikpunkte an Lehmann sind noch nicht deutlich genug geworden.

      Um es nochmal zu sagen: Es ist mir egal, ob die Gehaltsästhetik ein Sinn-Angebot macht (und erst recht ob gut oder schlecht). Es ist ja letztlich Lehmanns Sinn, den er da verarbeiten will (und nicht, was er davon hält) – Stichwort Programmtheorie.

      Du sagst am Ende, dass sich die Gehaltsästhetik „durchaus falsifizieren lässt“. Ich würde schon gerne wissen wie das gehen soll. Immerhin ist genau das das Problem um Phänomen und Episteme, um das „die“ Philosophie gegenwärtig keine Antwort hat.

      Ich bin kein Kunstkritiker – ich bin Geisteswissenschaftler. Genau so habe ich Lehmann kritisiert; genauso ist diese Polemik zu lesen.

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    2. @Dennis: Ok, diese Argumentationsstruktur kommt mir aus der Diskussion um Lehmanns Musikbuch bekannt vor. Lehmann schreibt ein dezidiert nicht-fachwissenschaftliches, im traditionellen Sinn "philosophisches" Buch ("für alle und keinen" sozusagen), an dass dann von außen diverse fachwissenschaftliche Ansprüche herangetragen werden (im Falle des Musikbuchs waren das musikwissenschaftliche). Der fachwissenschaftliche Rezensent kommt dann recht schnell zu dem Schluss, dass das Lehmann-Werk seinen hochspezifischen Ansprüchen (ohne die - hm - GAR NICHTS geht?) nicht gerecht wird und beschließt, das ganze Unterfangen nicht ernst nehmen zu müssen.

      Jetzt frage ich mich natürlich, welchen fachwissenschaftlichen Ansprüchen bsp.weise das Werk Foucaults (von Wittgenstein oder Nietzsche ganz zu schweigen) eigentlich gerecht wird ... und jetzt sage bitte nicht, dass seien "Sonderfälle" gewesen.

      Irgendwie scheinen aber Lehmanns *Inhalte* dann doch dein Interesse zu wecken (warum sonst die Polemik?) - wäre es dann nicht eine sinnvolle Aufgabe, deren vermeintlich fehlende methodologische Grundlagen selbst nachzuliefern, durchaus in Konkurrenz zum Verfasser?

      Unabhängig davon sieht sich Lehmann seit eh und je in der Tradition von Niklas Luhmanns Systemtheorie (vgl. seinen ersten Wälzer "Die flüchtige Wahrheit der Kunst", der vor 10 Jahren ebenfalls bei Wilhem Fink erschien).

      P.S.: Der von dir vermutlich polemisch gemeinte Begriff "Programmtheorie" erscheint mir tautologisch. Gibt es tatsächlich Theorien, die kein Programm (keine "Agenda") haben? Worum ginge es derartigen Theorien? Könntest du ein typisches Beispiel nennen?

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    3. Erstens: Warum sollte Dennis oder wir in ihrendeiner Bringschuld sein? Das ist genauso, wenn Christen sagen Atheisten hätten keinen Beweis für die Nichtexistenz Gottes oder müßten dies beweisen. Schließlich ist es doch Lehmann, der etwas behauptet.

      Zweitens: Die Philosphen Wittgenstein, Nietzsche und Foucault. Ich verstehe diese Liste nicht. Was bezweckst du mit dieser Aufzählung? Wittgenstein und Foucault waren sehr extrem genau in ihren Beobachtungen und ihrer Sprache, wie sie über etwas schrieben oder sprachen. Nietzsche könnte ich als Beispiel eher verstehen, da eher sich literarische Freiheiten erlaubt hat. Trotzdem hat auch er an einer sehr genauen Sprache und Terminologie gearbeitet, an einer Konsistenz seiner Gedanken. Bzw. haben alle drei ihre Theorien zur Diskussion in der Fachwelt veröffentlicht.

      Drittens: Wenn wir Lehmanns Unterfangen nicht ernst nehmen würden, würde hier niemand ein Wort darüber verschwenden.

      Soviel erstmal von mir, wegen Zeitknappheit. Dennis kann dazu bestimmt noch eingehender antworten.

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    4. Danke für die Kommentare.
      Ehrlich gesagt weiß ich grade nicht so genau was und wie ich hierauf antworten soll. Du drückst Dein Unbehagen mit solcher Kritik aus, indem Du mich über den Kamm scherst („Der fachwissenschaftliche Rezensent“), und versuchst den Ball an mich abzugeben. Auf von mir aufgeworfene Probleme (1. große Theorien nach der Postmoderne, und 2. Bezugsproblem zur Realität von philosophischer Theorie) finde ich keine Antwort.

      Ich habe nie behauptet, dass man Lehmann nicht ernst nehmen müsse. Wie bereits Stefan Lischewski geschrieben hat, würde ich mich ja sonst nicht mit der Arbeit beschäftigen. Es geht mir auch nicht um den Anspruch einer Arbeit, sondern schlicht und ergreifend um das (philosophische) Handwerk.

      Bezüglich der von Außen angetragenen fachwissenschaftlichen Ansprüche darf ich aber noch hinzufügen, dass diese eben nicht von außen kommen. Auf dem Buch steht „Kunstphilosophie“ drauf – dann wird man mal gucken dürfen, ob das auch drin ist. Wenn Lehmann sich dieser „Ansprüche von Außen“ komplett verwehren würde, würde er es nicht Philosophie nennen, sondern „Skizzen, Essays, Entwürfe“ oder sowas. Er will damit sehr wohl fachwissenschaftliche Diskurse bedienen.

      Ich verstehe ebenfalls nicht, was die Auflistung Foucault bis Nietzsche bezwecken soll. Bisher hat noch kein Philosoph außerhalb vom akademischen Betrieb arbeiten können – diese Arbeiten wurden alle von Kollegen kommentiert, kritisiert, weitergeführt. Sollen wir bei Lehmann eine Ausnahme machen? Oder lassen wir die Kritik an Lehmann nur aus dem Praxis-Betrieb der Kunst und Musik kommen, aber nicht von den Geisteswissenschaften? Darf eine Kritik nur die Form und Idee treffen, oder auch das Handwerk und die Herstellungsweise?

      Ich wüsste aber grade nicht wieso ich eine Methodologie zu Lehmanns Werk liefern sollte. Bei Villém Flusser hat man das in der Medienphilosophie posthum versucht - mit eher mäßigem Erfolg. Wenn sich Lehmann als Philosoph versteht müsste er das schon selbst liefern. Ich meine, Probleme, die dadurch auftreten können, wurden doch auch von Dir selbst in der Diskussion in der Galerie angesprochen: Wo bleibt das Politische (zum Beispiel)? Könnte man mit der Gehaltsästhetik auch ein politisch verwerfliches Kunstwerk als dennoch ästhetisch beschreiben? Will man das? Diese Frage ist mehr als berechtigt, weil eben die Postmoderne gezeigt hat, dass man das Politische nicht herausstreichen kann, da es ja bereits vorher schon da war. Es gibt keine nicht-normativen Wissenschaften (oder Handeln allgemein). Oder wie Foucault es sagte, dass die Norm immer praxisimmanent ist.

      Deine letzte Frage zur Programmtheorie verweist doch genau hierauf: Es gibt keine Theorien, die frei von Agenda sind. Vor der „Selbstzerfleischung der Geisteswissenschaften“ hat man versucht solche Theorien zu liefern, die aber in der Postmoderne dekonstruiert wurden. Genau darum geht es doch, dass Lehmann irgendwie versucht nach „alter Schule“ zu arbeiten, und diese Punkte nicht beachtet.

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    5. @Dennis: Ich habe deine Fragen mal auf drei Problemfelder fokussiert:

      1. Philosophie und Wissenschaft: Philosophie ist keine Wissenschaft. Sie mag sich wissenschaftlicher Methoden bedienen und weitgehend szientifisch argumentieren, aber spekulative und utopische Elemente sind immer drin. Deshalb lese ich ein philosophisches Buch ja auch anders als z. B. eine Einführung in die Geometrie. Foucault wie Wittgenstein und Nietzsche haben sich stets der Wissenschaft bedient, um ihre philosophischen Gedanken zu stützen - aber sie waren keine Wissenschaftler. In exakt diesem (positiven) Sinn halte ich auch Harry Lehmann nicht für einen Wissenschaftler (auch wenn ihn das jetzt vermutlich verärgern mag). Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass "die Postmoderne" die Systemtheorie "dekonstruiert" hat.
      2. Hat Lehmann eine "Methode"? Ja, ich denke schon und sage es gerne nochmal: Er sieht sich in der Tradition von Niklas Luhmanns soziologischer Systemtheorie, die er jedoch um einige "kritische" Module (die Luhmann vermutlich fremd gewesen wären) anreichert. So traut Lehmann bsp.weise der Kunst mehr gesellschaftliches Veränderungspotential zu als Luhmann. Das kann man alles aus erster Hand ganz prima im Glossar auf Harrys Homepage nachlesen.
      3. Gehaltsästhetik und Politik ("Riefenstahl-Problem"): Harrys "Gehaltsästhetik" ist politisch unterbestimmt, da gebe ich dir recht. Ich denke, gehaltsästhetisch überzeugende Kunst mit politisch komplett "inkorrekten" Inhalten (à la Überlegenheit der "Rasse" A über die "Rasse" B etc.) ist prinzipiell durchaus möglich. Bleibt die Frage, ob das "schlimm" ist. Ich denke nein, denn ich verstehe Lehmann so, dass es ihm ja gerade nicht um eine moralisch stets schon "korrekte" Kunst geht (dann wäre er nicht viel weiter als Konstantin Wecker oder Wolfgang Niedecken), sein Gegner heißt vielmehr Indifferenz bzw. Apolitizität (in der Kunst, aber auch sonstwo). Und exakt diese Offenheit des Begriffs "Gehalt" bei Lehmann macht sein Denken für mich so ansprechend. Man weiß bei ihm eben nicht immer schon, worauf's hinausläuft.

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    6. Auf eine Frage wie: gibt es rechte gehaltsästhetische Kunstwerke?, muss man erst mal kommen, und Stefan Hetzel war eben der erste, der den Scharfsinn aufgebracht hat, sie zur Buchveröffentlichung zu stellen. Für mich war es die beste Frage des Abends, weil sie überhaupt nicht trivial ist. Ich habe die Vermutung geäußert, dass es keine rechtspopulistische Gehaltsästhetik geben könne, genau genommen muss es aber heißen, dass es weder rechte noch linke gehaltsästhetische Werke gibt. Alle Beispiele, die ich diskutiere, sind mehrschichtig und ambivalent in ihren "Aussagen", sprich sie haben keinen ideologisch funktionalisierbaren Gehalt.

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    7. Auch hier möchte ich noch eine Antwort geben, auch wenn die Diskussion abgeflaut ist, und ich aufgrund einer langen Erkrankung bewegungslos war.

      Zu Stefan Hetzel:
      Zu 1: Man kann gerne davon ausgehen, dass Philosophie keine Wissenschaft ist. Der faktische Widerspruch besteht darin, dass es an Universitäten Lehrstühle für Philosophie gibt. Das muss einen dabei nicht stören - wenn Lehmann allerdings einen Paradigmenwechsel fordert, wäre es hinderlich die eigene Disziplin nicht als Wissenschaft zu begreifen. Da ich vermute, dass Lehmann diese Position nicht teilen würde (das ist aber Spekulation), sondern die Philosophie sehr wohl Wissenschaft sei, dann muss man sich eben der Probleme stellen, die aus verschiedenen Forschungsständen erwachsen. Das Problem "Realitätsgehalt einer philosophischen Theorie" bleibt damit bestehen.

      2. Ich persönlich muss sagen - und das, obwohl ich ja selbst aus der Systemtheorie komme -, dass Systemtheorie keine Methode ist (naja, sie heißt ja auch Theorie und nicht Methode). Systemtheorie als Methode zu verkaufen, hieße auch das Rührei als Rezept zu verstehen (und nicht als Gericht). Das will mir nicht einleuchten.

      Zu 3 (und zu Lehmann): Man kann nun behaupten, dass es ein einzelner Scharfsinn sei, der die Frage nach dem politischen Gehalt von Kunst zur Debatte stellt. Fakt ist aber auch hier, dass Kunst sich schon sehr lange darum bemüht, genau dies zu beobachten, umzusetzen und nutzbar zu machen. Man sehe sich die Kunst (?) des "Zentrums für politische Schönheit" an: Dort wird schon lange Kunst mit politischem Inhalt gemacht.
      Genauso NSK (Neue slowenische Kunst) oder gleich (wenn auch ganz anders gelagert) Slavoj Žižek.
      Zustande kamen viele dieser Interventionskunst eben aufgrund von feministischer, postmoderner, postkolonialer Kritik. Das könnte man einbeziehen.

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  2. Ich denke es geht hier nicht um Lieblingsautoren, aber um die Frage, warum werden bestimmte Anknüpfungen gewählt und andere nicht?
    Eine Kritik der gewählten Wortwahl, Terminologie und Definitionen muss erlaubt sein und ist wesentlicher Bestandteil von Philosophie in jedwedem Bereich. Schleißlich soll am Ende ja ein Verständnis erreicht werden, wenn möglich sogar eine Verständigung.

    Ich denke so viel kann ich für Dennis sagen.

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  3. Lehmann hat doch eine ziemlich klare Methode, vielleicht nur nicht methodologisch benannt, aber performativ ist es deutlich - er arbeitet zB auf Basis von neurowissenschaftlichen und verhaltenspsychologischen Erkenntnissen.
    "Der Forschungsstand", gibt es den noch? Könnte oder müsste man erst 200 (oder 600?) Seiten lang den Forschungsstand ringsum zusammentragen, ehe man mit eigenen Gedanken loslegen darf? Ich glaube, da sind wir (Postmoderne!) an der Schwelle des nicht mehr möglichen; jeder kocht dann eben auf Basis sehr selektiver Referenzen sein Begriffssüppchen, die Anwendbarkeit entscheidet (und die erscheint mir bei Lehmanns Buch sehr hoch).

    Mich stört allerdings auch die despektierliche Haltung zur Postmoderne, die wird äußerst spärlich referiert, nur um sie zu bashen.

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  4. Ich habe mir alle Stellen im Buch noch einmal angeschaut, wo das Wort „postmodern“ vorkommt. Es ist richtig, dass es nur wenige Stellen sind (fast alle S. 217-221), aber ich kann nicht erkennen, dass ich mich da „despektierlich“, d.h. abwertend äußere. Ich spreche zum einen über die „postmoderne Kunst“ und führe hier Lichtenstein und Stirling als besonders gelungene Beispiele an (S. 217). Und ich spreche über die „ästhetische Postmoderne“ als einer Form von Problemlösung, die mit der gehaltsästhetischen Problemlösung konkurriert (S. 220). Ich argumentiere, warum ich die gehaltsästhetische Option für die nachhaltiger halte, aber ich spreche nicht despektierlich über die postmoderne Option.

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    1. Ich habe nur das aktuellere Kommentar gepostet, ich denke das war in Ihrem Sinne, da sie sich stark ähnelten.

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    2. Ja, stimmt alle, ich hatte Schwierigkeiten, mich im Blog anzumelden.

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  5. Das mit deiner Bezeichnung als "Verlegenheitsbegriff" zB kommt schon so rüber - das Präfix "post-" ist ja einer inhaltlichen Programmatik geschuldet, >nach den großen Ideologien<, das ist insofern kein Verlegenheitsbegriff. Da wird dein Ausdruck der Quantität und Qualität der postmodernen Philosophie mE nicht gerecht.
    Aber gut dass du auf die Textstellen hinweist, ich habe es vielleicht dennoch zu einseitig gelesen.

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    1. Muss ich Dir widersprechen, Johannes, "postmodern" heißt erst einmal "nachmodern", und diese Formulierung hat etwas mit der Idee zu tun, dass die Geschichte an ein Ende kam oder zumindest die Fortschrittslogik der Moderne die Geschichte nicht mehr voranzutreiben schien. Und insofern eine Nach-Moderne sich eben nicht selbst positiv charakterisieren kann, sondern sich nur abgeleitet über eine Negation der Moderne bestimmt, hat man - aus Verlegenheit, wie ich meine - den Begriff der Postmoderne erfunden. Aber wir können es dabei bewenden lassen (und müssen keine Postmodernediskussion führen), außer diesem 5. Wort im ganzen Buch gibt es wohl keine weiteren 'anstößigen' Postmoderneformulierungen und auch die ist eigentlich eher unproblematisch. Ich habe da eher nach einem griffigen Einstiegssatz gesucht.

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  6. Auch wenn die Debatte mittlerweile abgeflaut ist, und ich aufgrund einer langen Erkrankung erst jetzt zu einer Reaktion komme, möchte ich dennoch eine Antwort auf Ihre Antwort geben:

    Ich möchte Ihnen zustimmen, dass die Idee einer Moderne an ein Ende kam und hieraus die Postmoderne geboren wurde. Allerdings ist Ihnen bei der Übersetzung von Postmodern zu Nachmodern als Negation der Moderne zu widersprechen.

    Ich möchte dies anhand eines Zitats aus dem Postkolonialismus deutlich machen. Aufgrund der Nicht-Uniformität des Diskurses und Forschungsstandes zu Postmodernität sind Querverweise zu anderen Post-Forschungsständen notwendig. Der Postkolonialismus ist mit der Postmoderne, dem Poststrukturalismus eng verwoben. So sollte dieses Zitat auch verstanden werden:

    "Postkolonialismus kann dabei nicht einfach als etwas gedacht werden, dass 'nach' dem Kolonialismus eingetreten ist, sondern muss als eine Widerstandsform gegen (sic!) die koloniale Herrschaft unr ihre Konsequenzen betrachtet werden. Anstatt also Geschichte als lineare Progression zu betrachten, wendet sich postkoloniale Theorie den Komplexitäten und Widersprüchen historischer Prozesse zu." (Varela / Dhawan (2015): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 2., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Bielefeld: transcript, S.16).

    Auf ganz ähnliche Weise verhält es sich mit der Postmoderne, welche die Moderne nicht negiert, sondern akzeptiert. Nur dadurch wird es ja möglich Konsequenzen von Modernisierung (Standardisierung, epistemische Kategorisierung, Wegschneiden) überhaupt beobachtbar, bzw. angreifbar zu machen. Postmoderne ist daher mitnichten ein Verlegenheitsbegriff, sondern theoretische Tatsachen und politische Programme.

    Eine "Nach-Moderne" kann sich daher sehr wohl positiv charakterisieren, indem sie bspw. die "Ränder der Moderne" aufzeigt, sie relevant macht und in den Vordergrund rückt.

    Ihre Formulierung ist daher auf keinen Fall unproblematisch. Vielmehr zeigt sie ein Unverständnis für postmoderne Theorie (sofern man diesen Begriff hier mal verwenden möchte). Hier scheint mir eine Postmoderne-Diskussion mehr als notwendig.

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