Sonntag, 3. Juli 2016

Die Ränder der musikalischen Moderne

Einleitung

Ich gebe es ja zu: Bisher waren viele unserer theoretischen Inputs zu Musik und Ästhetik stark konstruktivistisch, kybernetisch oder systemtheoretisch. Und dieser Post hier, dessen Titel Postmodernität suggeriert, hebt sich davon deutlich ab.

Ich für meinen Teil muss zugeben, dass mich der Konstruktivismus immer fasziniert hat, und dass ich dessen Lektüre und Durcharbeiten nicht reue - gleichfalls stellte sich bei mir aber eine dicke Frustration ein, als ich (als Kulturanthropologe) dazu kam, empirisch zu arbeiten: Sobald ich mit empirischer Realität konfrontiert wurde, wurden konstruktivistisch-systemtheoretische Gedanken hinderlich und wenig produktiv. Mein persönliches Forschungsproblem löste sich dadurch, dass ich erstens postmoderne Erkenntnisse ernster nahm, und zweitens Auswege in der Praxistheorie fand. Vor allem auf Ersteres soll hier nun Bezug genommen werden.

Der Auslöser

Der Auslöser für das, was hier nun folgen soll, ist die Gehaltsästhetik von Harry Lehmann. Diese Theorie ist bereits in einer Polemik von mir scharf angegriffen worden. Was die Arbeit von Lehmann für mich leistete, wird eben in der Kritik deutlich: Ein theoretischer Fokus auf Ästhetik darf eben nicht ohne postmoderne Erkenntnisse geschehen. Und da nunmal diese "Gehaltsästhetik" der Ausgangspunkt war, muss hier noch einmal kurz erwähnt werden, worin der Knackpunkt der hier auftretenden Reihe feministische Kritik an Musik und Ästhetik liegt.

Was macht Lehmann?
Durch ein Zusammenbauen von Wahrnehmungs-, Rezeptions- und Kompositionssystemen versucht Lehmann ein abstraktes System auf menschliches (ästhetisches) Tun zu legen, welches den Fokus weg von Identitäten, Körpern, Politiken, konkreten Handlungen und dergleichen hin zum Gehalt von Musik an sich verschiebt.

Was sagt Maturana?
Maturana hat zusammen mit Varela die Autopoiesis entwickelt. Eine empirisch gefasste Theorie, zur Biologie. Niklas Luhmann hat darauf aufbauend seine Systemtheorie erschaffen. Aus dieser Richtung kommt Lehmann (wie auch in den Kommentarleiste der Polemik nochmal deutlich wurde).
Im Gespräch mit Bernhard Pörksen macht Maturana folgende Kritik deutlich:
Das Problem besteht einfach darin, dass Niklas Luhmann den Begriff der Autopoiesis als ein Prinzip zur Erklärung des Sozialen benutzt, das die zu beschreibenden Prozesse und die sozialen Phänomene nicht erhellt, sondern eher verdeckt. Das Konzept der Autopoiesis - verstanden als ein biologisches Phänomen - handelt von einem Netzwerk von Molekülen, die Moleküle hervorbringen. Moleküle produzieren Moleküle, fügen sich zu Molekülen zusammen, lassen sich in Moleküle zerteilen. Niklas Luhmann geht jedoch nicht von Molekülen aus, die Moleküle erzeugen, sondern alles dreht sich um Kommunikationen, die Kommunikationen produzieren. Er glaubt, es handele sich um ähnliche Phänomene, es handele sich um eine vergleichbare Situation. Das ist nicht korrekt, denn Moleküle erzeugen Moleküle ohne fremde Hilfe, ohne Unterstützung. Aber Kommunikationen setzen Menschen voraus, die kommunizieren. Kommunikationen produzieren nur mithilfe von lebenden Systemen Kommunikationen. Durch die Entscheidung Moleküle durch Kommunikationen zu ersetzen, werden die Menschen als die Kommunizierenden ausgeklammert. Sie bleiben außen vor und gelten als unwichtig, sie bilden lediglich den Hintergrund und die Basis, in die das soziale System - verstanden als ein autopoietisches Netzwerk aus Kommunikationen - eingebettet ist. [3]
Was heißt das?
Ich habe im Zitat unterstrichen, was hier von Belang ist:
Erstens dient der systemtheoretische Ansatz eher zur Verdeckung und Verschleierung von Realitäten, und zweitens ist dem Ansatz eine Entscheidung vorausgegangen. So wie Luhmann hat sich auch Lehmann dazu entschieden den Menschen größtmöglich aus seiner Theorie auszuklammern. 

Dieser Aspekt ist so relevant, weil Lehmann behauptete, eine "nicht-normative Theorie zum Paradigmenwechsel" geschaffen zu haben. Seine Theorie ist eben nicht nicht-normativ, da ihr die Entscheidung voraus ging, menschliche Dimensionen des Untersuchbaren, wie Identitäten, Körper oder Politiken, aus der Ästhetiktheorie auszuschließen, indem er die Systemtheorie anwendete.

Der feministische Aspekt wäre hier eben genau andersherum zu verfahren: zur epistemischen Arbeit müssen menschliche Realitäten hinzugezogen werden. Das heißt unter anderem die Realitäten, die bspw. bereits von der Soziologie, der Anthropologie erfasst werden können.

Noch radikaler formuliert ist die Kritik an Luhmann (und damit auch irgendwie an Lehmann) so:
Sie [die Systemtheorie] stelle eher eine Begriffssammlung als ein Theoriegebäude dar: "Hinter der Fassade ungeheurer Schwierigkeit und einem komplizierten Räderwerk artistischer Begrifflichkeit steckt lediglich eine Handvoll simpler Sätze: Die Welt ist kompliziert, alles ist mit allem verbunden, der Mensch erträgt nur ein begrenztes Maß an Kompliziertheit" [4]
Und so weiter und so weiter. [5]

Die Aussage

Worum es uns hier gehen soll, ist klar zu stellen, dass eine Hinwendung "zur Musik an sich" - egal ob Gehalt, Inhalt, oder dergleichen - nach oder inmitten der Postmoderne (wo auch immer wir grade sind) nicht in Ignoranz dessen geschehen darf. Wiederum wollen wir herausstellen, wieso es "eine nicht-normative Theorie" zu Ästhetik nicht geben kann. Anders gesagt heißt dies, klar zustellen, worin Ästhetik in Körperlichkeiten, Identitäten, Politiken relevant ist.

Robin James hat in einem Post zu "black woman pop music" und die Kritik dieser Musik von "weißen Männern" ziemlich deutlich gemacht, worum es dabei geht:
Aesthetic practices can communicate and perform knowledges that reinforce systems of domination, and they can also communicate and perform subordinate knowledges that map out strategies for survival amid domination. Dominant institutions (like the music industry) and people from dominant groups (like Iggy Azalea or Eric Clapton) separate the aesthetic practice from the implicit knowledges that make it meaningful, and thus neutralize those knowledges and make the aesthetic practice fungible and co-optable. Talking about “the music itself” or “solely music” does the same thing: it is a form of what philosophers call epistemic violence. [6]
Diese Probleme der epistemischen Gewalt gilt es zu berücksichtigen. Sind denn Komponistinnen heute gleichrangig zu Komponisten? Queere Komponisten_Innen, und alle jene Musikschaffende, die keinen Platz finden - weil Musikindustrien sie nicht wollen, weil Rezipienten es nicht hören, etc. Wir benötigen keine weitere Verschleierung, sondern ein Transparentmachen.

Die British Academy of Songwriters, Composers and Authors (BASCA) hat gerade am 22. Mai eine Studie veröffentlicht, in der klar wird, dass Frauen und people of colour in der Kompositionsszene Englands nicht nur unterrepräsentiert sind, sondern in einem echten demographischen Dilemma stecken:

Back within the boundaries of BASCA’s research, it is clear that whilst women accounting for 36% of all graduates in composition would suggest there’s only a short journey to equality at this level of education, there is a striking drop-off when it came to the level of qualifications offered: 39% of undergraduates were female, 31% of postgraduates and only 14% of PhDs. [7]
Und:
Again, the temptation to think that equality will ‘just happen’, or emerge as a by-product of society being more enlightened and more diverse is, in BASCA’s view, to be resisted. Instead, it is a process to be kick-started, pushed forward and championed, by research, discussion, education and campaigning. 
Das Archiv Frau und Musik [8], oder das Verborgene Museum in Berlin [9] sind erste Anlaufpunkte für ein solches Unterfangen. Musik ist immer auch politisch, sie nimmt immer auch Bezug zu Körper, Geschlecht, Identität. Nicht immer in der "Musik an sich", aber in den Kontexten, in denen sie entsteht, in den Prozessen, in denen sie operationalisiert wird, in den Geschehnissen, in denen sie historisiert wird, gegenwärtig gemacht wird, oder kritisch behandelt wird. Die Verhandlung des Ästhetischen von Musik und Kunst, als ein ausklammerndes Projekt, das nicht fähig ist diese Kontexte der Entstehung und des Umgangs mit zu berücksichtigen, halte ich für falsch.

Was folgt

Was auf diesen Post folgen wird, sind Besprechungen von Musikwerken zunächst von Komponistinnen. Eine ständig anwachsende Playlist gibt es hier. In ähnlicher Weise wie es in dem neuen Buch "Sounds and Sweet Airs. The Forgotten Women of Classical Music" [10] getan wurde, soll auch hier deutlich gemacht werden, dass eine Hinwendung zur Musik "by itself" nur sinnvoll erscheinen kann, wenn die Entstehungszusammenhänge, die Ränder und das Ausklammern, mit berücksichtigt werden. 

Um zu verdeutlichen, inwiefern eine ästhetische Theorie normativ sein muss, da ihre Auswüchse es sowieso sind, und ihr immer eine normative Setzung (Entscheidung) vorausging, zeigen wir hier die Ränder der musikalischen Moderne auf, welche bereits durch epistemische und diskursive Gewalt entstanden sind, und die damit umgehen (müssen).

Das erste Stück und die erste Komponistin, die in diesem Zusammenhang vorgestellt werden soll, ist Kate Soper mit Voices from the killing Jar - ein quasi ausgezeichneter Fall des eben erwähnten Umgangs mit "Randsein" und "Rand-gemacht-werden".

Wer Interesse hat uns bei diesem Vorhaben zu unterstützen möge uns einfach eine Mail schicken oder einen entsprechenden Kommentar hinterlassen.

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[1] Hier wurden Anführrungszeichen verwendet, da es den einen Forschungsstand weder zu feministischer Kritik, noch zu Postmoderne oder anderen Posts gar nicht gibt. Die Forschungsstände bestehen in einer engen Verbindung zueinander, produzieren und kritisieren sich gegenseitig.

[2] Probleme, die es nach und nach anzugehen gilt, und Probleme, die auch nicht für jeden gleichermaßen problematisch sind. Für einen Kulturanthropologen, der immer am Mikro beobachtet - durch teilnehmende Beobachtung - sind dies allerdings sehr wohl schwer fassbare Konflikte.

[3] Pörksen, Bernhard, 2008: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus. Zweite Auflage, Heidelberg: Carl-Auer, S. 106 (Hervorhebung D.E.)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie_(Luhmann)#Kritik

[5] Siehe dazu auch die Arbeiten von Rainer Greshoff, beispielsweise: Greshoff, R., 2008: Ohne Akteure geht es nicht! Oder: Warum die Fundamente der Luhmannschen Sozialtheorie nicht tragen. Zeitschrift für Soziologie 37: 450–469. Greshoff argumentiert dabei kritisch aus der Systemtheorie selbst, und kritisiert damit die Theorie quasi von Innen.

[6] https://soundstudiesblog.com/2016/05/16/how-not-to-listen-to-lemonade-music-criticism-and-epistemic-violence/

[7] http://basca.org.uk/2016/05/22/new-basca-research-highlights-lack-diversity-within-classical-music-commissioning/

[8] http://www.archiv-frau-musik.de/cms/

[9] http://www.dasverborgenemuseum.de/

[10] hier: http://www.spectator.co.uk/2016/05/out-of-time-and-harsh-the-historic-treatment-of-the-female-composer/





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